Tahiti

Ein europäisches Schicksal im Pazifik

Das angenehme Klischee von der Schönheit der Südsee

Tahiti

TahitiTahiti ist eine Doppelinsel, bestehend aus Tahiti Nui (Groß-Tahiti) und Tahiti Iti (Klein-Tahiti), die durch den Isthmus von Taravao verbunden sind und wie die anderen Gesellschaftsinseln etwa um 200 v. Chr. von Tonga und Samoa aus besiedelt wurden.

Vor der europäischen Entdeckung, hatte Tahiti vermutlich 35.000 Einwohner, ihr Gesellschaftssystem war in drei Kasten gegliedert, was eine enge Verzahnung von religiöser und weltlicher Macht ermöglichte.

Der Adel, polynesisch ari’i oder ariki, stand an der Spitze der Gesellschaft und wurde gebildet durch die großen Landbesitzer, an deren oberster Spitze wiederum die ariki rahi (deutsch: die großen Ariki), die Souveräne, die sich aus den alten Adelsfamilien rekrutierten, standen. Es gab acht dieser Adelsfamilien, die auch jeweils einem Stamm auf Tahiti vorstanden und die höchsten Priester, in der Regel nachgeborene Söhne, stellten.

SüdseeDie Kaste der Freien, polynesisch raatira, waren im wesentlichen Kleingrundbesitzer, Handwerker, Bootsbauer, Tätowierer und Künstler. Im Kriege waren sie die engsten Gefolgsleute der Ariki. Die Kasten-Grenzen zwischen den Raatira und den untersten Stufen des Kleinadels waren fließend, so dass keine personellen Engpässe das Gefüge destabilisieren konnte.

Die Kaste der Hörigen, polynesisch manahune, waren land- und rechtlose Bauern, die ihre Produkte größtenteils abführen mussten.

Dieses Kastensystem bestand lange Zeit, gewährte eine soziale Stabilität, und die Machtverhältnisse der Gesellschaftsinseln waren bis zum blinden Eingreifen der Europäer weitgehend ausgeglichen.

Auf Tahiti wie auch auf Moorea als auch auf Raiatea, das mehr noch als Tahiti das politische und religiöse Zentrum der Gesellschaftsinseln war, weil hier die mythische Geburtsstätte des Kriegsgottes Oro lag und wo auch der Marae Taputapuatea, die heiligste aller Kultplattformen Polynesiens stand, gelang es über Generationen hinweg keinem Stamm, die alleinige Oberherrschaft über die anderen Adelsfamilien zu erringen.

Einheimische in der Südsee

Dies änderte sich grundlegend mit den machtpolitischen Interessen der Briten hier in der Mitte des großen Ozeans.

Üblicherweise und durch die Geologie der Insel bedingt, steuerten die europäischen Schiffe die an, die zum Einflussbereich des Stammesfürstentum Pare gehörte und dessen Ariki Pomaré I war. Er wurde, obwohl nur einer von acht unabhängigen Stammesfürsten, von den Europäern als König der gesamten Insel betrachtet.

Es war praktisch und effizient, nur einen Ansprechpartner zu haben, also unterstützten die Briten die Pomaré-Dynastie in ihren Stammesrivalitäten militärisch, so dass Pomaré I. um 1780 die gesamte Insel seiner Herrschaft unterwerfen konnte. Das Gleichgewicht war gestört, Pomarés Eroberungskriege und die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten führten zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang. Von ursprünglich 35.000 Einwohnern lebten 1804 nur noch etwa 6.000 Menschen auf Tahiti, waren also über 80% Opfer des europäischen Einflusses.

Matavai Bucht auf Tahiti

Tahiti Matavai-Bucht

Einen weiteren, verhängnisvollen Schritt beschloss die damals berühmte London Missionary Society (LMS) im Jahr 1796. Sie ließ das Schiff Duff unter dem Kommando von Kapitän James Wilson auszurüsten und Missionare nach Tahiti, Tonga, den Marquesas, Hawaii und Palau zu entsenden.

Die Missionierung war ein regelrechter Flop, aber Tahiti wurde für die ab 1800 florierende Walfänger-Flotte als Anlaufstation während ihrer oft mehrjährigen Fangreisen im Pazifischen Ozean entdeckt und ausgebaut mit Papeete als dem Versorgungshafen für Walfangschiffe im Südostpazifik.

1801 entsandte die Royal Navy die Brigg Porpoise nach Tahiti, um gepökeltes Schweinefleisch für die Kolonie New South Wales in Australien einzuhandeln und begründete so einen rund 30 Jahre dauernden lukrativen Handel mit Salzfleisch zwischen Australien und Tahiti sowie die höchst zweifelhafte Ansiedlung zwischenzeitlich entlaufener Matrosen, Walfänger, Händler und Abenteurer, die sogenannten Beachcombers, auf der Insel angesiedelt, die zum Überleben Alkohol und Feuerwaffen überwiegend an den Stamm des Stammesfürstentum Pare verkauften.

Einheimische in der SüdseeTiara TahitiDie traditionellen Stammeskriege veränderten sich, ließen den Ariki des Stammesfürstentum Pare, mittlerweile Pomaré II. auf der einen Seite gegen die anderen Familien antreten, so dass er 1808 geschlagen nach Moorea flüchten musste, im November 1815 aber gestützt von den Missionaren der London Missionary Society (LMS) nach Tahiti zurückkehrte, nun aber als Anführer eines „Religionskrieges“.

Die Anhänger der alten Religion, die vehementen Widerstand gegen die Einführung des Christentums leisteten, sammelten sich um Opuhara, den Ariki von Papara, in der Schlacht von Feipi. Die Krieger Pomarés hatten von den britischen Missionaren Feuerwaffen erhalten und siegten vernichtend. Opuhara fiel am 12. November 1815.

Damit wähnte sich Pomaré II. als unangefochtener Herrscher über Tahiti und Moorea, faktisch aber regierten die Missionare der LMS und der Missionar George Pritchard, der lange Zeit als britischer Konsul auf Tahiti amtierte.

Pomaré II. blieb nichts anderes übrig, als den Anweisungen der Missionare Folge zu leisten und u.a. 1819 einen von den Missionaren verfassten Strafkatalog einzuführen, der für alle religiösen bzw. rituellen Praktiken, die im Gegensatz zur christlichen Lehre standen, drastische Strafen vorsah.

Auf Blasphemie, Idolatrie und Götzendienerei stand fortan die Todesstrafe. Unzucht, also außereheliche geschlechtliche Beziehungen, die hier Gang und Gäbe waren und den Missionaren gegenüber verhelt, verborgen oder nicht angezeigt wurden, wurden mit mehrjährigen, barbarischen Zwangsarbeiten bestraft.
Die „Wilden“ konnten mithin also Erhebliches von den Briten lernen.

Das schöne Bild vom paradiesischen Arkadien.

Im Bewusstsein der Europäer sind weniger die disziplinarisch-zivilisatorischen Maßnahmen der Briten, als mehr die Besuche von James Cook haften geblieben (obwohl der Engländer Samuel Wallis als erster Europäer am 21. Juni 1767 Tahiti betrat) sowie der erotische Zauber der Südsee, den nicht der Brite, aber bereits ein Jahr später ein Franzose – wer sonst? – mit dem seinerseits schon phantasievollen Namen Louis Antoine de Bougainville, entdeckt hat.

Neun Tage blieb er auf Tahiti, die an Eindrücken und Erfahrungen für den sensiblen Franzmann so überwältigend gewesen sein müssen, dass er die Insel euphorisch als La Nouvelle Cythère (das neue Kythira, die der griechischen Mythologie nach neben Zypern als Insel der Liebesgöttin Aphrodite gilt) bezeichnete.

Bora Bora Bougainville, Verfasser eines mathematischen Werkes über die Integralrechnung, Mitglied der Royal Society in Lodon, Oberst der Infanterie in der Schlacht auf der Abraham-Ebene bei Quebec, wo er mit seinen Truppen trotz Integralrechenfähigkeit taktisch zu spät zum Hauptheer kam und in britische Gefangenschaft geriet.

Nach seiner Rückkehr wurde er Kapitän in der Französischen Marine und erster Weltumsegler der Grande Nation. Mit ihm erreichten 1768 Naturforscher wie der Botaniker Philibert Commerson und dessen als Mann verkleidete Assistentin Jeanne Baret, der Astronomen Pierre-Antoine Véron und der als Lebemann bekannte Prince de Nassau-Siegen die Insel Tahiti.

In dieser Begleitung und den erotisch wie sexuell freizügigen Sitten unter dem südlichen Himmel im Wendekreis des Krebses reifte seine andere, so gar nicht militärische Seite seiner Persönlichkeit heran und äußerte sich 1771 in seinem ausführlichen Reisebericht: Voyage autour du monde par la frégate du roi La Boudeuse et la flûte L’Étoile.

Mittlerweile war Bougainville zu einer bekannten Persönlichkeit im Geiste der französischen Aufklärung geworden und verhalf mit seinem idealisierten Bild der Südsee-Insulaner als die Edlen Wilden den Thesen von Jean-Jacques Rousseau zu weiterer Popularität.

Tahiti’s Landesinnere besang er als Jardin d’Eden, der seinen Bewohnern alles böte, was sie zum Leben brauchten und die als freundliche, naive und glückliche Menschen, noch nicht von der Zivilisation verdorben, ein Stück vom Paradies lebten, die dann Georg Forsters 1777 erschienene Reisebeschreibung A Voyage Round The World literarisch noch steigerte.

Friedrich Melchior Grimm, damals federführend für die Correspondance littéraire, philosophique et critique verantwortlich, bat Denis Diderot, eine Buchbesprechung für den Bougainville´schen Reisebericht zu verfassen, dem er entsprach und sich zu seinem Essay Supplément au voyage de Bougainville (1771) inspirieren ließ, der vordergründig aber recht gerne in Europa als eine Verteidigungsschrift der sexuellen Freiheit verstanden wurde, von der man also schon damals vehemente, feuchte Träume hatte.

Auch Cook hielt „Bougainvilles Buch für die nützlichste und auch unterhaltsamste Beschreibung einer Reise durch dieses Meer, die bis jetzt erschienen ist,“ als er 1773 am 17. August, nach Tahiti zurückkehrte in Begleitung der beiden naturwissenschaftlich gebildeten Deutschen Johann Reinhold Forster und Georg Forster, deren Berichte lange Zeit und teilweise heute noch das Bild der Europäer von der Südsee bestimmten.
„Ein Arkadien, dessen Könige wir sein werden“ – Joseph Banks.

Tahiti Matavai-BuchtDas unschuldige Bild des paradiesischen Arkadiens, das später auch der Maler Gaugin, wenn auch nicht ganz kritiklos, so doch verklärend bediente, musste allerdings nicht selten in Europa für kruden Sexismus und latenten bis offenem Rassismus herhalten.

Das Land von wunderbarer, romantischer Schönheit bot sich nur all zu oft als Bühne für idyllisch verklärte, ausschweifende Sexphantasien außerhalb ehelicher Verhältnisse zwischen Pflanzern, Händlern, gestrandetem Hafen- und Seefahrergesindel auf der einen Seite und braunen, dunkeläugigen tahitianischen Schönheiten oder Halbblutdamen, auf der anderen, wobei letzteren Damen der zweifelhafte Ruf der „Halbwelt“ am Nullmeridian zugedacht wurde und die pejorativen Konnotationen, die sich mit der Bezeichnung ‚Halbblut‘ verbinden, ziemlich eindeutig die Richtung von billigen Maitressen und Hafenprostituierten einschlagen.

Der Kurs der Bounty

Letzter Liegeplatz der Bounty vor Pitcain

Letzter Liegeplatz der Bounty vor Pitcain

Mit Cook befand sich auch der oben zitierte Botaniker Joseph Banks an Bord, der während des dreimonatigen Aufenthaltes auf Tahiti umfangreiche botanische Studien, vor allem an der dort verbreiteten Brotfrucht durchführte und seine dabei gewonnen Erkenntnisse die britische Admiralität veranlassten, Kapitän William Bligh mit der verhängnisvollen Fahrt des Dreimasters Bounty 1787 nach Tahiti zu beauftragen, um Stecklinge der Brotfucht von dort auf die Britischen Antillen zu bringen.

Auf der Rückfahrt kam es dann südwestlich von Tofua, heute zu Tonga gehörig, zur Meuterei auf der Bounty, deren gleichnamiger Roman aus der berühmten Bounty-Trilogie von Charles Bernard Nordhoff und James Norman Hall Generationen von Abendteuerlustigen den Schlaf raubte.

Es war die erste Meuterei auf See, die vor einem ordentlichen Seegricht gerichtet wurde, das diesbezüglich und eigens dafür eingerichtet worden war und dessen Auswirkungen bis heute selbst in die Sportbootführerschaft hineinwirken.

Der Kapitän bzw. der Skipper ist fortan auf See, was Gott auf Land zukommt; nein, kein Irrtum! Und das war den Meuterern schon klar, dass sie nicht nach Tahiti zurück segeln und dort ein Leben im Paradies genießen konnten.

Die Geschichte der Meuterer endete mit ihrer Besiedelung von Pitcairn und mit dem dortigen Tod von John Adams (1829). Fletcher Christian war schon 1793 vermutlich gewaltsam auf Pitcairn gestorben. 61 Personen, großteils direkte Nachkommen der Meuterer, leben heute noch dort. Alljährlich am 23. Januar, dem Bounty Day, schleppen sie ein Schiffsmodell aufs Wasser hinaus und zünden es an.
Still ruht der Dreimaster nun wenige Meter vom Land weg auf dem Grund des Pazifischen Ozeans. Nur wenig bedeckt von dessen salzigen Wassern hütet er die wahre Geschichte der Südsee, die so wenig zu tun hat mit einem Land von wunderbarer, romantischer Schönheit wie uns die angenehmen Klischees von Freiheit und Freizügigkeit weismachen wollen.

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