Essen Zeche Zollverein

Weltkulturerbe des Vergessens.

Denkmal der vergessenen Seelen der Bergarbeiter.

Panorama - Zeche Zollverein - Essen - NRWZeche Zollverein - Essen - Nordrhein-WestfalenWie schwer sich doch die Denkmalpflege und die Stadt Essen mit der Erinnerung an die Kumpel im Revier tut, kann man hier an ber Bullmannaue nur all zu deutlich sehen.
Eigentlich sieht man nichts mehr von denen, die unter Tage für die Entwicklung Deutschlands bis noch vor kurzem geschufftet haben. Denen wir heute unseren Ruf als einer der weltweit produktivsten Industriestandorte zu verdanken haben.
An den Kohleflözen, manchmal bis über 1.000 Meter tief unter der Erde wurde aus einem kleinteiligen, unbedeutenden Argrarland der größte und wichtigste Industriestandort in Europa. Ohne Kohle, kein Koks. Ohne Koks, kein Eisen und Stahl. Und ohne die ganze Montanindustrie, was wäre wohl Deutschland heute?

Hier in der Zeche Zollverein arbeiteten Deutsche, Polen, Masuren, Italiener, Türken, Marokkaner zusammen, lebten und leben heute noch Menschen aus einhundertsechzig Nationen und Landsmannschaften. Es waren die Kumpel, die, als sie mehr verdienten, als sie zum Leben ausgeben mussten, mit ihren DKW, Ford und Kugelporsche, vollgepackt mit Zelt, Konserven und Dortmunder Union Pils über den Brenner nach Rimmini, Caorle und Jesolo fuhren und die Liebe für die italienische Pizza und Spaghetti, den Lambrusco in 2-Liter Korbflasche und Asti Spumante für den Geburtstag der Liebsten nach Deutschland brachten. Und hier dann den nach den Weltkriegen wiedergekehrten italienischen Gastarbeitern es leicht machten, italienische Küche im Revier zu verkaufen.

Förderturm - Zeche Zollverein - Essen - NRWSo beeindruckend die Anlagen der alten Zeche Zollverein auch heute noch sein mögen, so schamvoll und mickrig fällt die Erinnerung an die Revierkumpel aus.

Seit Platon und dann mehr noch Aristoteles die geistige Arbeit der körperlichen Arbeit voranstellt, den arbeitenden Menschen als „Banause“ betrachtete und dies ist noch ein milder Ausdruck, also seit etwa 2.500 Jahren tun sich die Deutschen schwer mit diesen Menschen, die unter uns Dichtern, Denkern und Ingenieuren doch die überwiegende Mehrheit sind und deren Arbeit den größten Teil des Bruttosozialprodukts ausmacht, deren Sozialbeiträge unseren Sozialstaat garantiert und von denen auch noch einiges für Straßenbau und Berlin, dem Berliner Flughafen und früher den Bauern in Bayern abgezweigt wurde.

Nun ist dies keine rein deutsche Scham, denn die findet man den ganzen Weg durch Europas Montan-Industriezentren, der hier in Zollverein den Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur bildet.

Ach, was war das für eine große Angelegenheit und Chance, das Ruhrgebiet als europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010 vorzustellen. Pleitgen, Chef des ganzen Rummels, hatte diese Chance, den Kumpels und der Region von Kohle und Stahl ein würdiges Denkmal zu setzen.
Statt dessen gab es Bildung und Kultur, Kunst, jede Menge Kunst, zeitgenössische Kunst und Literatur, ein paar Feuerschlucker, Gaukler, Dance Companies und all die lustigen Hüpfburgen, Fahrrad Wanderungen auf dem Ruhrschnellweg, der damals echt für einen Tag keinen Stau sah, sondern Tausende an Gartentischchen sitzende, die verloren eh, kaum je einen Gedanken an die Männer und Frauen im Pott verschwendet hatten.
Es gab auch gute Veranstaltungen in Ruhr 2010; das muss der Ausgewogenheit wegen hier gesagt werden.

Ganz oben in der Zeche Zollverein, im neuen Ruhrmuseum, da gibt es einen runden Raum mit kleinen bunten Bildern zeitgenössischer Künstler; da ist sie wieder. Da gibt es eine Etage tiefer zwischen den Anlagen der einstigen Kohlewäsche Stellwände mit Fotos aus dem Revier, schöne, kleinformatige Farbbildchen, teilweise sogar recht gut ausgesucht und fotografiert. Aber die Beschreibungen dazu und die Gesamtaufmachung zeugt von einem ungeheuren Verdrängungs- ja Verleugnungsprozess der Museumsmacher, der die knapp einhundertdreißig Jahre des Reviers und der Zeche selbst geradezu ausgelöscht hat.

Staublunge - Ruhrmuseum - Zeche ZollvereinEine Staublunge in Kunstharz ist übriggeblieben; dann findet die mal! Findet doch die Schicksale der Ruhr-Mineros, die ganzen Philharmonien hier im Ruhrgebiet, wovon es mehr als in ganz Nordadmerika gibt, die findet ihr schnell.

Findet mal die Männer und Frauen in ihren kleine Schrebergärten an den Grills mit den Würstchen oder in den Trinkhallen und Eckkneipen. Museen, Hochschulen der Künste, Akademien und Universitäten findet ihr hier mehr als sonst wo in Europa.

Wer kennt oder findet etwas über den großen deutschen Bergarbeiterstreik von 1889? Während damals die Zechen – meistens im Besitz großer Aktiengesellschaften – enorme Dividenden auszahlten, wurden die .Reallöhne der Arbeiter ständig weiter herabgedrückt.

Der nominelle wöchentliche Lohn wurde zwar aufrechterhalten, in einigen Fällen sogar scheinbar erhöht, indem man die Arbeiter zwang, erhebliche Überzeit zu arbeiten -, statt einer Achtstundenschicht arbeiteten sie 12 bis 16 Stunden, so dass wöchentlich 9 bis 12 Schichten herauskamen.

In einer Woche legten 70.000 Bergleute die Arbeit nieder, dazu kamen die Arbeiter in den sächsischen Kohlenfeldern und in den zwei schlesischen Kohlenfeldern, die belgischen und böhmischen Bergleute sind auch angesteckt worden, so dass in den letzten drei Wochen mindestens 120.000 Kumpel in Deutschland gestreikt haben.

Ruhrmuseum - Zeche Zollverein - Essen - NRWDie Bergarbeiter sandten eine Delegation zum Kaiser Wilhelm II. – ein prahlerischer, eingebildeter junger Narr, so Karl Marx damals -, der sie mit drohenden Worten empfing, wenn sie sich den Sozialdemokraten zuwenden sollten und die Autoritäten schmähten, würde er sie ohne Gnade niederschießen lassen.

Cafe Kohlenwäsche - Zeche Zollverein - Essen - NRWDoch dem Kaiser ging bald der großspurige Mut aus, das ganze Kaiserreich zitterte vor diesen streikenden Arbeitern und alles wurde versucht, um die Zechenbesitzer zu bewegen, Konzessionen zu machen. Der Kaiser selbst riet ihnen alsbald, ihre Taschen zu öffnen, und erklärte im Ministerrat: „Meine Soldaten sind da, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, aber nicht, um den Zechenbesitzern hohe Profite zu sichern.“ Er brauchte die Arbeiter, sie waren sein Volk und vor allem seine Soldaten, ohne die er keinen Krieg führen konnte und die nun selbst an der Waffe ausgebildet vor ihren Landsleuten standen, die wenig Lust verspürten, auf ihre Brüder, Väter und Onkel zu schießen.

Wo findet man im Ruhrmuseum etwas zum Aufstand der Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1918? Damals erhoben sich Arbeiter erfolgreich gegen den Versuch, eine faschistische Militärdiktatur zu errichten, die alle erkämpften demokratischen Rechte und Freiheiten der Novemberrevolution von 1918 beseitigt hätte.

Und später, als  Hunderttausend Kumpel 1997 in die Bundeshauptstadt Bonn marschierten und das Ende der damaligen Kohl-Regierung einläuteten, wo ist die Erinnerung? Historische Arbeits- und Gebrauchsgegenstände des Ruhrgebiets sind nahezu kontextlos ausgestellt, bei den Möbeln und Einrichtungsgegenständen reicht das Spektrum vom „Gelsenkirchener Barock“ bis zum Wohnzimmertisch des langjährigen Krupp-Chefs Berthold Beitz; was zum Teufel soll das?
Schön sind die Plakate aus der Zeit der Weltkriege. Wenig bis nichts sieht man von der Not der Menschen im Pott im Winter 47/48, von der Zerstörung, Demontage und Wiederaufbau.

 

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