Sardinien: Das Landesinnere

Phantastische Urgeschichte

Wilde Urschönheit eines stolzen Landes.

Sardinien

Wer nur an der Küste urlaubt, verpasst etwas – faszinierend und abwechslungsreich ist das Inland Sardiniens. Da ist das Sarcidano und die sich südlich anschließende Marmilla: Heimat der größten archäologischen Sehenswürdigkeit, dem Nuraghendorf Su Nuraxi. Und da ist die Barbagia, das bergige Herzstück der Insel, deren pittoreske Dörfchen traditionsreiche Ziele der Sommerfrische und Schauplätze bedeutender Feste sind. Hier kann man winters sogar Ski fahren!

Barumini

Wer Barumini sagt, meint automatisch Su Nuraxi – den bedeutendsten, größten und am besten erhaltenen Nurgahenkomplex der Insel, knapp einen Kilometer außerhalb des Dorfes an der Straße nach Tuili gelegen.

Nuraghen sind die prähistorischen Turmbauten aus tonnenschwerem Basaltgestein, von denen sich mehr als 700 über ganz Sardinien verstreut finden (vermutlich gab es aber wesentlich mehr). Die Nuraghier-Kultur gibt bis heute Rätsel auf; ihr Ursprünge werden ungefähr um 2000 v. Chr. datiert. Die Entdeckung von Su Nuraxi verdankt sich einem Erdrutsch im Jahre 1949, anschließend wurde die Anlage in den 50er Jahren von dem Archäologen Giovanni Lilliu freigelegt.

Kernstück und ältestes Bauwerk der Festung, die in mehreren Abschnitten erweitert wurde, ist der Mittelturm, um den herum man weitere Mauern und Rundtürme errichtete. Außerhalb des Nuraghen findet sich das so genannte Dorf, Ruinen von etwa 150 Häusern, die erst etwa um 1000 v. Chr. entstanden. Vierhundert Jahre später wurde die Nuraghenfestung von den Puniern erobert und zerstört. 1997 erklärte die UNESCO Su Nuraxi zum Weltkulturerbe; entsprechend ist die Anlage bestens erschlossen und kann (nur im Rahmen von Führungen) besichtigt werden.

Museum, SardinienEindrucksvolle architektonische Zeugnisse hat auch Barumini selbst zu bieten. An der Piazza Principale findet sich ein historischer Gebäudekomplex, bestehend aus der romanischen Kirche San Giovanni Battista, der Pfarrkirche Beata Vergine dell’Immacolata im spätgotischen Stil sowie dem spanischen Palazzo Zapata aus dem 16. Jh. Unter den Grundfesten des herrschaftlichen Anwesens wurde im Rahmen von Modernisierungsarbeiten in den 90er Jahren ein sensationeller Fund gemacht – ein komplexer Nurgahe, der Nurax’ ’e Cresia. Heute beherbergt der Palazzo Zapata den Polo Museale, der drei Museen, ein archäologisches, ein geschichtliches und ein ethologisches, unter einem Dach vereint. Interessierte erhalten hier einen umfassenden Einblick in die Vergangenheit Sardiniens.

Laconi

Dorf der Menhire wird Laconi auch genannt, weil in der unmittelbaren Umgebung zahlreiche dieser menschenähnlichen Statuen aus der Vornuraghen- und Kupferzeit gefunden wurden. Ein Besuch des Museo delle Statue Menhir ist daher ein Muss: 40 Monolithe sind hier ausgestellt, überwiegend aus der Ozieri-Kultur und damit aus dem 4. Jt. v. Chr. stammend.

Berühmtester Sohn von Laconi ist der von der Bevölkerung sehr verehrte Mönch Ignatius von Laconi, der im 18. Jh. lebte und 1951 heilig gesprochen wurde. An ihn erinnern neben der Kirche Sant’Ignazio de Laconi ein Denkmal, sein Geburtshaus sowie ein großes Fest, das alljährlich Ende August gefeiert wird. Laconi ist ein hübsches Städtchen; aufgrund seiner schönen Lage in grüner Umgebung gilt es den Einwohnern von Cagliari als beliebtes Ziel zur Sommerfrische. Wunderschön ist der 22 ha große Waldpark Parco Aymerich, eine kühle Oase mit Quellen und uraltem Baumbestand, der ein dichtes Laubdach bildet. Ruinen des Castello Aymerich zeugen vom einstigen Anwesen der Adelsfamilie aus Cagliari, das dem Park seinen Namen gab.

Aritzo

Wild und schön ist die Barbagia, das zentrale Bergland Sardiniens mit dem Gennargentu-Massiv, das mit über 1.800 m die höchsten Gipfel der Insel aufweist. An seine Hänge schmiegen sich steil die farbenfrohen Fassaden von Aritzo, das schon seit dem 19. Jh. als Urlaubsort und Ausflugsziel Tradition hat. Die waldreiche Umgebung ist ideal für ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen in reiner Luft; im malerischen Örtchen selbst flaniert man entlang der zentralen, stets belebten Promenade. Sehenswert ist die spätgotische Pfarrkirche San Michele Archangelo mit ihren kostbaren Holzstatuen, ebenso das Museo Etnografica und der einstige Kerker Sa Bovida aus dem 16. Jh., als Sardinien unter spanischer Herrschaft stand.

Aritzos Bewohner bewiesen schon früh Sinn für Geschäftstüchtigkeit: Im 19. Jh. pressten sie im Winter den Schnee von den umliegenden Berghängen zu schweren Eisblöcken und transportieren sie per Pferdekarawanen hinunter nach Cagliari, wo sie den Städtern das Eis als Kühlmittel verkauften. Nachfahren jener Pferde, ursprünglich von den Spaniern domestizierte Araber, leben heute in freier Wildbahn in der Umgebung des Ortes.

Einmal im Jahr, in der ersten Septemberwoche, werden sie anlässlich des Rodeo del Cavallo eingefangen – mutige Männer versuchen sie zu besteigen und sich möglichst lange auf ihrem Rücken zu halten. Ebenfalls im Herbst steigt das größte Fest der Region, bei dem die Früchte der Wälder gefeiert werden: Geröstete Haselnüsse und Esskastanien in allen Variationen spielen die Hauptrolle bei der Sagra delle nocciole e delle castagne am letzten Oktoberwochenende. Zehntausende Besucher wohnen alljährlich diesem Spektakel bei.

Tonara

Knapp 2.300 Einwohner zählt Tonara, das auf rund 900 m Höhe umgeben von grünen Kastanienwäldern an den Hängen des Monte Mugianeddu liegt. Drei alte Viertel, Arasulé, Teliseri und Toneri, bilden die Ortschaft, deren verwinkelte Gassen im Zentrum umrahmt sind von Skulpturen aus Stein und Eichenholz.

Der sardische Bildhauer Pinuccio Sciola schuf sie zu Ehren des in Tonara geborenen Dichters Peppino Mereu. Der im Alter von nur 30 Jahren verstorbene Mereu war zu Lebzeiten eher verkannt; als strittig und provokativ galten seine Verse, mit denen er scharf die Herrschenden kritisierte. Heute hingegen ist man stolz auf ihn und hat seine Lyrik zu Liedern vertont, die bei den Dorffesten gesungen werden.

Von diesen Festen ist die Sagra del Torrone, die alljährlich am Ostermontag gefeiert wird, eines der populärsten der ganzen Barbagia. Sie ist dem berühmtesten Erzeugnis Tonaras gewidmet, dem Torrone, ein aus Mandeln, Nüssen, Honig, Eiern und Trockenfrüchten hergestellter Nougat. In großem Kupferkesseln wird die Süßigkeit vor aller Augen zubereitet und sodann verkostet, wozu man den für die Region typischen Mandrolisai-Wein trinkt.

Fonni

Das auf 1000 m Höhe angesiedelte Bergdorf Fonni ist die höchstgelegene Gemeinde Sardiniens und nennt die einzige Skistation der Insel ihr Eigen. Doch die Gipfelregion ist nicht nur im Winter eine Reise wert. Hausberg von Fonni ist der Monte Spada (1595 m), erreichbar über eine asphaltierte Straße in Richtung Desulo, die zahlreiche, schöne Ausblicke erlaubt; am Ende der Stichstraße geht es in kurzer Zeit zu Fuß hinauf zum Gipfel.

Ein anderer Abzweig der Straße nach Desulo führt zum 1.829 m hohen Bruncu Spina, dem zweithöchsten Gipfel des Gennargentu-Massivs. Die Schlussetappe legt man ebenfalls in einem etwa halbstündigen Fußmarsch zurück. Vom Gipfel aus führen Wanderwege zur Punta Paulinu (1792 m) sowie zum höchsten Berg Sardiniens, der Punta La Marmora (1834 m) – landschaftlich eine äußerst reizvolle Strecke mit beeindruckenden Panoramablicken.

Fonni selbst ist trotz touristischer Erschlossenheit ein eher schlichtes, wiewohl hübsches und gepflegtes Örtchen mit restaurierten Häusern und gepflasterten Straßen; rummeligen Après-Ski-Zirkus findet man hier nicht.

Architektonisch bedeutsam ist das am höchsten Punkt der Stadt gelegene Franziskanerkloster aus dem 17. Jh. mit der angrenzenden Kirche Madonna dei Martiri. Letztere ist die Heimstadt eines hoch verehrten Bildnisses der Madonna, der zu Ehren im Juni ein mehrtägiges Fest gefeiert wird, die Sagra della Madonna dei Martiri. Lohnenswert ist auch ein Besuch des Museo della Cultura Pastorale, das viel Wissenswertes über das bäuerliche Leben in dieser von Weidewirtschaft geprägten Region vermittelt.

Ihr Kommentar

Ihre eMail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.