Paul Schwer

Fragen in den Raum stellen.

Wer aufhört zu fragen, hört auf zu existieren.

Paul Schwer, Stelen, Installation

Paul Schwer ist ein zeitgenössischer Künstler. Sein künstlerisches Werk zeigt im wesentlichen Installationen und Plastiken. Sein Motiv ist der Raum, der öffentliche und der private Raum. Deshalb stellt er seine Fagen als zeitgenössischer Künstler nicht an uns, sondern für uns alle in den Raum, in die Räume, die unser Dasein ganz maßgeblich mitbestimmen.
Die Räume bzw. Zimmer in unseren Häusern und Wohnungen, die öffentlichen Plätze und, insofern für Paul Schwer Häuser respektive Hochhäuser keine Häuser sind, sondern selbst schon Rauminstallationen innerhalb eines größeren Raums, der Siedlung oder der Stadt, sehen wir seine Kunst auch an Fassaden wie etwa bei den „Glowing Igloos“.

Wie gesagt: für uns erscheint es wie „Fassadenkunst“. Aber, begreifen wir die Glowing Igloos als Installationen im öffentlichen Raum, erkennen wir leicht eine andere, weitere Dimension, nämlich die Frage: Gestalten wir eigentlich noch unsere Lebensräume, wie dies möglich wäre? Ist eine Gestaltung unserer Lebensräume unter dem Primat von ökonomischer Effizienz und Wirtschaftlichkeit überhaupt noch möglich? Was kann Kunst in diesen wahrlich ökonomisch besetzten Räumen noch leisten? Kann Kunst uns überhaupt eine Vorstellung geben von einem anderen, vielleicht besseren Sinn unseres Lebens?

Wem diese Fragen nicht im Kopf zergehen, erkennt schnell, dass solcherart Fragen weit über unsere Gegenwart hinausgehen und eine zeitlose Dimension als gewissermaßen letzte Fragen haben. Sie markieren den Ursprung der Metaphysik und insofern muss auch das Etikett: Paul Schwer ist ein zeitgenössischer Künstler etwas größer ausfallen. Paul Schwer gehört zu jenen, die Kant als „animal metaphysicum“ und Schopenhauer als als ein „metaphysiktreibendes Lebewesen“ bezeichnet haben.

In einer Zeit, die seit Mitte des 20. Jhd. fast lückenlos geprägt ist vom empirisch-analytischen Denken, besonders dem aus Großbritannien, den USA und Skandinavien, fanden sich verschwindend wenige philosoph-systematische Auseinandersetzungen mit metaphysischen Fragestellungen. Und wenn überhaupt, dann wurden sie erstaunlicherweise meist von Seiten analytisch geschulter Philosophen geführt.

Paul Schwer, Glowing Igloo, Installation

Ähnliches gilt für die Kunst. Etwa im gleichen Zeitraum mit Beginn Mitte des 20. Jhs. wogte eine Debatte in den Kunstakademien hoch, die, an Analytischer Philosophie Wittgensteinscher Provenienz geschult, gegen jede „metaphysische“ Sichtweise barsch zu Felde zog und so illustre Ismen wie Funktionalismus, Intentionalismus und Historismus hervorbrachte, die heute wohl im sogenannten Institutionalismus gipfelt. Der überlässt, ganz ähnlich wie etwa der Neokeynsianismus in der Ökonomie, das Geschehen und damit Sinn und Bedeutung von Kunst den Mechanismen und Realitäten des erweiterten Kunstmarktes.

Wo einer ausstellt wurde wichtiger, als was er ausstellt. Und was er ausstellt ist dann wichtig, wenn es eine einzigartige „Technik“ vorstellt und hohe und Höchstpreise bei Christies und Southebys erzielt. Und die Namen der Künstler werden zu (Marken-) Namen der Künstler, in dem sie in analogen und digitalen Medien per Rankings aufgeführt werden, die mittels standardisierter Scoring Systeme wiederum hinterlegte Realitäten auf dem Kunstmarkt abbilden (aposteriori soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass auf Scoring Systeme aufbauende Ratings heute unser Leben umfassend durchwirken. Ursprünglich in der Medizin eingesetzt, um besser und einfacher Diagnosen zu stellen, den Patientenzustand in einer einheitlichen Nomenklatur beschreiben und mittelbar Behandlungsstrategien und Prognosen ableiten zu können, beherrschen sie weite Teile unseres öknonomischen wie privaten Lebens, angefangen von den Finanzmärkten und deren sog. Rating Agenturen bis hin zu den Energiewerten unserer Ein- und Mehrfamilienhäuser, unsere Personalakten auf den Jobmärkten u.v.a.m.

Die Ökonomie und der Kunstmarkt marschieren im Gleichschritt.

Und nur wenige, ganz wenige finden einen Weg aus der fatalen Umarmung heraus, stellen die alten, ewigen Fragen der Kunst wieder neu. Grundsätzlich steht zwar immer wieder die eine Frage im Raum: Was ist Kunst? Oder wie Thomas Schütte in einem Interview meinte: „…die meisten gegenwärtigen Kunstwerke würden auf der Straße den Sperrmülltest nicht überstehen“ und damit nicht die Kunstwerke, sondern die Kunstbegriffe der analytischen Theorien insgesamt ad absurdum focussierte, Und dabei hilft uns auch nicht weiter der Institutionalismus, der gewiß schon so manchen Sperrmüllhafen als große Kunst bewertet und damit der Nachwelt in privaten wie öffentlichen Räumen hinterlassen hat.

Vielleicht ist der derzeit wachsende Erfolg von Paul Schwer auch der schwindend geringen Anzahl der Künstlerinnen und Künstler verdankt, die mit ihren Werken uns wieder vor die großen Fragen stellen und die, glücklicherweise, in den letzten Jahren an Zahl und an Bedeutung wieder zunehmen.

Paul Schwer, StelenPaul Schwer: Stelen.

Stelen sind gewissermaßen die ersten Informationssysteme der Menschen. Bei den Ägyptern, Griechen und den Römern künden Obelisken von Göttern, deren Leben und deren Taten, von Schlachten und Heerführern, von Gottkönigen und Kaisern, Hunger- und anderen Katastrophen, Plagen und Schicksalswendungen.

Die „Zehn Gebote“ des Christentums wurden als Steintafel-Skulptur dem Volk Moses überreicht. Die Kaaba, eine der schönsten Rauminstallationen der Welt, steht im Innenhof der Heiligen Moschee in Mekka und bildet als „Haus Gottes“ das zentrale Heiligtum des Islams, deren Wände von der Kiswa, einem schwarzen Brokatvorhang bedeckt und mit goldbestickter Kalligraphie koranischer Verse verziert sind.

Bei den nordamerikanischen Indianerstämmen erinnern die Totempfähle, monumentale Skulpturen, die aus einem großen Baumstamm geschnitzt und anschließend bemalt sind, an Verstorbene, beherbergen gelegentlich die sterblichen Überreste einzelner Personen und erzählen die Geschichte einer Familie oder repräsentieren die Stellung einer Familie innerhalb der Gemeinschaft.

In der griechischen Antike waren Stelen oft Grabmäler, Inschriften- oder Grenzsteine, berichteten über Siege antiker Olympischer Spiele und ehrten Sieger oder erinnerten an die Verfehlungen Verstorbener als abschreckendes Beispiel für die Nachwelt.

Kurt Fleckenstein, Letzte Ausfahrt

Kurt Fleckenstein, Letzte Ausfahrt

Schwers Stelen erinnern daran. Aber mehr noch sind sie als Fragen in den Raum gestellt und wenn dieser Raum ein Ausstellungsraum der Kunst ist, richten sich die Fragen auch an die Kunst selbst.

Paul Brandenburg schuf die sog. Olympiastelen, die mit Namen und Relief an die deutschen Goldmedaillengewinner und die Sportarten bei Olympischen Winter- und Sommerspielen seit 1896 am Berliner Olympiastadion erinnern; allein die Goldmedaillengewinner der DDR wurden nachträglich mit reinen Namensstelen geehrt, Reliefs waren dann wohl doch nicht angemessen und wurden von den Siegern des „Kalten Krieges“ verweigert.

Heute erkennt man Stelen als schmale, hohe Informationstafeln an Bushaltestellen, Bahnhöfen oder als Elemente von Leitsystemen in der Stadtmöblierung.

Paul Schwer, Stelen, InstallattionStelen in der zeitgenössischen Kunst kennen wir u.a. von dem St. Wendeler Künstler Leo Kornbrust und von Kurt Fleckenstein, dessen Objekte sich mit der sie umgebenden Landschaft oder dem Stadtraum auseinandersetzen. Dabei geht es ihm immer um Reduktion, darum, dass das Kunstwerk ein Ding an sich ist, dass es ist, was es ist, nicht mehr und nicht weniger: Es symbolisiert nichts, ist einfach präsent im Kontext seiner Umgebung.

Das prominenteste Beispiel für die Verwendung der Stele in Deutschland dürfte das von Peter Eisenman entworfene Denkmal für die ermordeten Juden Europas sein, ein Feld aus 2711 Stelen aus Beton vor dem Berliner Reichstagsgebäude.

Schwers Stelen sind nicht symbolisch, sondern zeigen das Verschwinden der symbolischen Ordnung (Michel Foucault; Jaques Lacan) zugunsten beliebiger Zeichenfolgen, Pictogrammen unserer modernen Informationsgesellschaften. Kein ordnendes symbolisches Prinzip ist erkennbar, keine Sprache, auch keine der Bilder und der Farben, allenfalls verwaschene Motive, beliebig aneinander gereiht, verwischte Farbfelder, hintergründig und temporär beleuchtet.

Wie ausgebaute Teile aus den letzten Überresten unserer zugrunde gegangenen Informationsgesellschaft, demontierte Bahnhof-, Flughafen- oder Stadtinformationssysteme, eingestellt in leere Räume, die so zu Museumsräumen unseres Diskurses werden, wirken Schwers Steelen mit Resten von Bedeutungsträgern, Signifikanten, die aber keiner mehr versteht, die keinem mehr etwas sagen, aber noch zu sehen sind.

Und die Kunst? Schwers Stelen geben eschatologisch keine positiven Antworten, warum auch? Zweifellos lassen sich Schwers Stelen auch kunstreflexiv lesen. Sie sind aber weder in ihrer Präsentation und Anordnung affirmativ mit den White Cubes, noch folgen sie den Prinzipien des Minimal Art. Allein schon ihre Farbreflexionen an den Raumwänden und Böden durchkreuzen jede Affirmation mit den White Cubes, wie auch kein ordnendes Prinzip geometrischer Abstraktionen uns eine wie auch immer geartete autonome Welt suggeriert.

Am Ende stehen Schwers Stelen nicht am Ort der letzten aller kunstgenealogischen Analogien, dem „Schwarzen Quadrat“ von Malewitsch, immerhin ein auf das Minimum hin optimierter Signifikant (Bedeutungsträger).
„Der Letzte macht das Licht aus!“ mag über allen Stelen stehen.
Was dann bleibt, ist schlicht der „leere Signifikant“ (Lacan), nichts mehr und nichts weniger.

Paul Schwer, Wallpaintings, Installation
Paul Schwer, Wallpaintings, Installation

Paul Schwer: Wallpaintings

Zugegeben, ein verwirrender Titel. Es gibt ihn in dieser Schreibweise nicht, noch bezeichnet er Wandmalerei und stellt sich so in die Folge der mitunter faszinierendsten Kunstwerke des Abendlandes, angefangen von den Höhlenmalereien in Südfrankreich über die ägyptische und minoische Kunst hin zu den zahllosen Fresken in religiösen Bauten bis zu unseren modernen Formen des Grafitti-Mural und der digitalen Wandtatoos. Nichts davon.

Paul Schwers Wallpaintings sind Installationen. Sie bestehen hauptsächlich aus Dachlatten, Leuchtstoff- und Neonröhren, Kabelbindern und Elektrokabeln, die oft in oder an gestürzten, zerstörten Wandelementen und Raumteilern befestigt sind, nicht selten wie Geschosse Wände durchschlagen. Schlafzimmer, Badezimmer, Wohnzimmer(elemente), schlicht alle privaten Habitats sind betroffen, besser gesagt: getroffen. Getroffen von augenscheinlicher Destruktion. Ganz selten bleibt ein Anklang an eine dekorative Anordnung.

Schwers Wallpaintings schlagen buchstäblich durch die Behaglichkeiten habitualisierter Lebensräume. Durch den Betonputz moderner Loftarchitektur schiessen klassische Bauelemente wie Latten, Baulampen, Kabel und Deckenröhren. Putz liegt vor den hippen Hotelzimmer-Betten, vor Badewanne, Toilette, an Wänden,

Wer kennt nicht den staubigen Charme, den Wohnungen und Häuser im Rohbau noch haben? Das Provisorium, die unfertige, halbrealisierte Idee fasziniert noch, gibt der Vorstellung von der eigenen Wohnung, vom Haus, von den Räumen und deren Wänden noch Kraft und Einfallsreichtum. Die Frage: wie wollen wir leben, stellt sich noch. Wer seine nach Jahren abgewohnten Zimmer verändern will, braucht mehr als neue Tapeten oder schicken Rauhputz, man muss an die Räume schon rangehen. Mit schwerem Gerät.

Paul Schwer, Wallpaintings, InstallationSchwers Wallpaintings sind Installationen von präziser Ambiguität. Sie besetzen genau den zeitlichen Raum zischen Destruktion und Konstruktion.

Sie inszenieren beides, sowohl einen Moment der Entstehung, des Rohbaus, wie einen Moment der Erneuerung, des Umbaus. Insofern tragen sie auch ein konstruktivistisches Element, eine Idee im Entwurf, ohne damit gleich konstruktivistisch im engeren Sinne sein zu wollen.

So soll auch Dekonstruktion verstanden sein als eben dieser raumzeitliche Spalt oder Riss, aus dem etwas Neues entstehen kann, wie sie im Um- wie im Neubau gleichwertig vorhanden sind. Dem Bauschutt allein sieht man seine genaue Herkunft und seinen teleologischen Sinn ja nicht an.

Appendix: Wann bauen Sie mal wieder um?

Bitte lesen Sie weiter auf Seite 2. Paul Schwer: Baos und Billboards

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2 Kommentare
  1. Karl Völlinger sagt:

    Sehr geehrter Herr Schwer,
    bewundernswert sind ihre Werke, interessante und großartige Leistungen.Wir freuen uns daran.
    Ich wohne in Schonach, in Ihrem Geburtsort.
    Wie mir scheint, hier kennt man Sie und Ihre Werke nicht. Oder will man Sie hier nicht kennen?
    Wie schade.
    Vielleicht steht eines Ihrer Werke auch einmal in unserem Ort.
    Grüße aus Schonach im Schwarzwald
    Karl Völlinger

    • Rieder sagt:

      Sehr geehrter Herr Völlinger,

      vielen Dank für Ihren Beitrag, den wir gerne direkt an Herrn Schwer weiterleiten.
      Einen schönen Sonntag und beste Grüße in den wunderschönen Schwarzwald.

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