Robin Weuste – 2014

Leidenschaft angekommen

Einblicke durch Rückblicke.

Robin WeusteJunge, zeitgenössische Maler – und wahrscheinlich auch Malerinnen – malen leidenschaftlich mit einer totalen Lust auf Leinwand und Farbe, kann man das so sagen? Ich denke, ja. Zumindest gilt das für viele und im besonderen für Robin Weuste. Für ihn wie für die vielen anderen stehen auch das Experiment und der Aspekt der malerischen Selbstreflexion und Selbstfindung: welche Art Maler bin ich, welche Maler vor mir stehen mir nahe? ebenso im Zentrum des wagenden und prüfenden Schaffens; wie anders sollte es auch in dieser Phase des Studiums sein?

So sind in den letzten sechs Monaten eine ganze Reihe neuer Bilder entstanden, viele kleine und mittlere, aber auch große Formate. Mit den klein- und mittelformatigen Bildern arbeitet Weuste an den abstrakten Formfindungen, an durchdachter und stimmiger Bildkomposition, gleichzeitig übt er an Strenge und Konsequenz seiner Bilder.

Tauchten in 2013/2014 häufig noch Bilder und Stile der Kunstgeschichte als Referenzen auf, so fehlen diese, bis auf, unverkennbar, ein paar Analogien zu Marc Chagall, im zweiten Halbjahr 2014 weitestgehend.

Auffallend, und dies betrifft glücklicherweise nicht nur Robin Weuste, sondern viele junge Maler des 21. Jhs. ist der nunmehr völlig unbeschwerte Zugang zur Gegenständlichkeit und Figuration. War die gegenständliche Malerei gerade nach dem 2. Weltkrieg stark belastet und galt eher als reaktionär, wurde es auch mit K.O. Götz und dem Informell schwerer, nicht abstrakt oder konzeptionell zu malen. Auch heute noch erzielen Bilder wie Karzuo Shigaras „Chijikusai Gotemei“ aus dem Jahr 1969 Höchstpreise bei Auktionen und transportieren so jene kunstgeschichtlichen Wertigkeiten in die heutige Zeit des Kunstmarktes.
Wie schön, dass junge Künstler so wenig davon affiziert sind und zu neuer Gegenständlichkeit, zu einem, wie holprig kolpoltiert wird, neusachlichen Stil zurückfinden.

Erotische Malerei aus mytisch-romantischen Zusammenhängen.

„Die neuen Bilder sind nicht nach Motiven gemalt. Ich hatte keine Vorlagen. Sie sind einfach so entstanden.“ Wenn Weuste mehrfach und mit Nachdruck betonte, dass seine neuen Bilder keinen Vorlagen gefolgt sind, er auch keine konkreten Vorstellungen der Motive beim Malen gehabt hat, sondern dass sie so beim Malen entstanden sind, springen ihre kunstgeschichtlichen Referenzen doch an.

Robin WeusteUnter Weustes Bildern erkennt man zweifellos erotische Kunst. Erotische Kunst, die klar sich von Pornografie unterscheidet und in mytischen Zusammenhängen steht.

Die mytischen Zusammenhänge der „Herrin der Tiere“, die auch als Muttergottheiten, Fabelwesen und Zwittergestalten dargestellt wurden – z. B. Artemis von Ephesos, Aphrodite von Aphrodisias – und auch als Herrin über Tod und Leben gedeutet werden können, finden in der weiblichen Gestalt der Potnia theron erstmals bei Homer in der Ilias Erwähnung, dort gleichgesetzt mit der Göttin Artemis. Das Motiv der Herrin der Tiere bzw. der Herrscherin des Wildes geht zurück bis an die ältesten Darstellungen aus Çatal Hüyük aus dem 7./6. Jahrtausend.
Sie bildeten gewissermaßen die Vor-Bilder, Prototypen für die anatolischen und ägischen Darstellungen wie z. B. auf den minoischen Spiegeln.

Das griechische Motiv der Herme, auch in den Darstellungen der Doppel- und der Satyrherme, die man unschwer bei Weuste erkennen kann, hat in der griechischen Kultur besonders im Demeter- und Dionysoskult aber auch im minoischen Motiv des Minotaurus sehr alten Ursprung, so auch die mit einhergehende Bedeutung des Phallus in den Satyrspielen. Höhepunkte der erotischen Kunst in der griechischen Antike waren sicherlich auch in den Darstellungen ungewzungener Homosexualität zu sehen.

Robin Weuste

Robin WeusteWeustes neue Bilder zeigen keine Szenen aus alten Erzählungen, gleichwohl finden wir Analogien, Ähnlichkeiten, mentale Splitter daraus, die sich auch aus den mythischen Zusammenhängen des locus amoenus ergeben.

Seit der Antike ist der locus amoenus (angenehmer, beseelter Ort im Gegensatz zum locus terribilis) das Hauptmotiv einer idealisierten Landschaftschilderung (Arcadien) mit kühlem Brunnen, Blumenwiese, schattigen Bäumen, oder wie bei Lucas Cranach, bei dem der locus amoenus innerhalb des Mythos‘ des goldenen Zeitalters und dem damit zusammenhängenden Motiv des Tierfriedens eine große Rolle spielte.

Die Motive des locus amoenus reichen von der Bukolischen Dichtung des Theokritos über die Elysischen Felder des römischen Dichters Vergil bis hin zu den Paradies-Schilderungen der christlichen Dichter und zeigten in der bildeneden Kunst meist idealisierte Fluss- oder Meereslandschaften oder wie in der Bukolischen Dichtung paradiesische Szenen, die von Hirten mit ihren Tieren bevölkert wurden.

Robin WeusteIm Frühmittelalter war dieser Ort bereits als einzig für Liebe und Lust definiert. Später, im 17. bis 18. Jh. tauchte er in der sog. Schäferdichtung als Ort der Liebe und der Dichtung wieder auf. Goethes Faust kennt ihn als „Anmutige Gegend“, Schillers „Spaziergang“ und Hölderlins unübertroffenes Gedicht „Hälfte des Lebens“ zeigen unromantisch den unausflöslichen Zusammenhang mit dem locus terribilis wie schon der zum Verweilen einladende, liebliche, kühle Quell, den Siegfried in der Götterdämmerung zur Rast nach der Jagd aufsuchte, zum Ort des Schreckens, seines eigenen Todes wurde, wo er, nach des Dichters Wort, buchstäblich und von Hagens Hand rücklings gemeuchelt in die „bluomen“ fiel.

Weustes erotische Bilder zeigen nichts von der Ambiguität des locus amoenus. Wie bei Lucas Cranach d. Ä., dessen „Quellnymphe“ gewiss auch einiges an Inspiration abgegeben haben dürfte, bleibt der beseelte Ort eher einer des goldenen als eines dunklen Zeitalters.

Weustes homoerotische Motive spielen nicht mit verführerischen Details, sondern sind ganz in der Tradition der griechischen Antike inszenierte Selbstverständlichkeit, wie links an einem mytischen Ort, oder wie oben in einer alltäglichen Umgebung. Die formale Bildkonzeption bei beiden ist schon so ausgeprägt, wie bei keinem anderen seiner Bilder vorher, betrachtet man nur die Linienführung der beiden Körper oben wie auf dem Bild unten. Sie allein genügt schon völlig als Bildaussage, als erotische – erlaubt ist auch narzißtische –  Spiegelung wie im antiken Motiv der Doppelherme angelegt. Maltechnisch erinnen beide Bilder an vor-antike Freskenmalerei, wie man sie aus der minoischen Zeit kennt, gleichwohl sie klassisch in Öl ausgeführt wurden.
Die kompositorische Anlage wirkt nicht nur reif, sondern schafft hier erstmals den Transfer von Komposition in eine künstlerische Aussage, die eigenständig neben den Bildaussagen steht. Verträumt wirken die jungen Männer bis androgyn mit einer Spur von Melancholie, jedenfalls nicht voller leidenschaftlicher Begierde.

Robin WeusteRobin WeusteNichts von mythischen Zusammenhängen erzählen andere erotische Bilder aus derselben Zeit. Angekommen in der Malerei des 20. Jhs. gehen die Rekursionen in die Kunstgeschichte weniger weit. Kein „Verjüngungsbad“, kein locus amoenus, keine symbolischen Elemente. Das Bad, das Sofa sind die verbliebenen „Orte“ nackter Erotik, close ups von vorne und von hinten, weibliche Körper. Cranachs „Quellnymphen“ sind gewissermaßen aus dem Paradies vertrieben, die wunderschönen, erotischen Renaissance-Akte, Leda und Venus von François Boucher und Botticelli sind in die Vorstädte und Neubauwohnungen umgezogen, bis dann
Gustav Kliemts Liegender Mädchenakt nach links ein neues Kapitel der erotischen Malerei eingeläutet hat.

Bleibt noch die Frage: Wenn Weuste nicht nach den Motiven anderer Maler gemalt hat, wenn seine Bilder auch nicht Szenen aus alten, teils antiken Erzählungen darstellen, woher kommen sie dann also?
Die Antwort dürfte nicht schwerfallen, wurde doch deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Kunst – und auch mit anderen Künsten wie etwa Literatur etc. – sich in der Phantasie des Künstlers, heute würde man sagen, als mind maps oder mental maps, also als eine geistige Landkarte dieser Auseinandersetzung zusammensetzt. Insofern stimmt es, dass Robin Weuste seinen neuen Bilder nicht nach „Vorlagen“ gemalt hat, sondern aus diesem reichen mental set geschöpft hat.

Das ist ein wenig hysterisch!

Robin Weuste

Hysterisch? Ist dieses Bild wirklich ein wenig hysterisch?

Wir sehen auf ein wahrhaft bacchantisches Sauf- und Fressgelage wie im antiken Griechenland, ein großes Fressen wie im Film, den verheerenden Schlussakkord, die Reste eines hemmungslosen Gelage im Garten oder auf einer Terasse. Das war kein antikes Gastmahl unter Philosophen, gleichwohl dort der sinnlichen Erregung und nicht nur der lukullischen mitunter einiges an Raum und Ausschweifung gelassen worden ist. So fressen Kaiser und Könige sowie das moderne, enthemmte Bürgertum.
Rechts im Bild hängt einer mit blankem Arsch besoffen über dem Tisch, an anderen Stellen scheint’s als würde geknutscht, getanzt und sich auch sonstigen körperlichen Erregungen unter und über’m Tisch hingegeben; einer säuft noch immer weiter, obwohl er wahrscheinlich auch schon voll wie ne Haubitze ist, weil er mal wieder nichts abbekommt von der körperlichen Erregung und Lust, in die sich solcherart Gelage und Geschäftsessen oder Firmenpartys nicht selten später am Abend fortsetzen.

Gemalt ist das Bild mit einiger Lust an Farbe, an grellen, fast triefenden Farben. Mit wildem, gestischen Pinsel, dem auch in seiner völligen gestischen Erregung kein Verstand mehr Einhalt gebietet. Man kann dann doch sagen, dass das Bild und die formalen Elemente sowie Stil und Maltechnik dem Gegenstand gleichkommen, ja, dass Fressen, Saufen und anschließende Lust, die die Banalität des Alltags in taumelnde Erregung zu verwandeln sucht, gar nicht anders als so hätten dargestellt werden können.

Lassen wir mal die unzähligen, teils pejorativen psychologischen und psychoanalytischen Definitionen von Hysterie beiseite und beschreiben sie als eine stürmische, vom Verstand ungehemmte, wild taumelnde Erregungslust, dann finden wir das oben geäußerte Verdikt eines seiner Lehrer über dieses Bild von Robin Weuste insofern eine richtige Aussage, wenn die Worte ein wenig weggelassen werden und man so erhält: das ist hysterisch. Richtig! Sowohl das Bild, wie das, was es darstellt. So ist es dann die größte Anerkennung, die dem Künstler für dieses Werk zuteil werden konnte.

Robin Weuste


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