Boote

Torsten Paul

Malen gegen das Vergessen.

Torsten Paul - BooteTorsten Paul - BooteWarum malt einer Boote? In einer Zeit, in der riesige Containerschiffe die Weltmeere durchpflügen? Aber Containerschiffe werden selten, wenn nicht gar nicht gemalt. Warum eigentlich nicht?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben, gleichwohl Containerschiffe nicht schön sind. Sie sind gigantisch. Containerschiffe transportieren auch keine Geschichten der Seefahrt wie die alten Koggen, die Fünf- und Viermaster, die Schulschiffe, die Pamir, die heute noch erhaben in New York City am Kai von New Amsterdam liegt, als hätte sie die Neue Welt entdeckt, oder die stolze, schneeweiße Gorch Fock, die majestätische Kruzenshtern, die noch regelmäßig die Karibik bereist und in voller Takelage in den Hafen der leider im Hurrikan zerstörten, einst wunderschönen Stadt St. Georges auf Grenada einläuft und all die anderen Windjammer, die mit unzähligen Geschichten und Seemannsgarn von ihren Fahrten auf den Weltmeeren in ihre Heimathäfen zurück kamen. Containerschiffe transportieren keine Geschichten. Sie transportieren Waren rund um die Welt.

Nicht einmal stehen Containerschiffe symbolisch für den Traum der Menschen nach der Entdeckung fremder Kontinente, die Sehnsucht nach unendlicher Weite, Abendteuer, Beherrschung der Natur. Dafür stehen vielleicht gerade noch die Dreißig-Fuß Segelboote in der Hand vierzehnjähriger Mädchen, wie etwa Laura Dekker, und alle die Aussteiger aus unserer bisweilen martialisch-getakteten Arbeitswelt, die als Blue-Water-Segler auch vor Piraten und Kidnappern auf See in der Straße von Malakka oder vor Somalia nicht zurückschrecken.

Warum mal einer Boote? Die Antwort liegt eher darin, wie Torsten Paul Boote malt. Aber bevor wir genauer hinausschauen, blicken wir ganz kurz zurück in die Kunstgeschichte und sehen sofort, dass Vincent van Gogh auch Boote gemalt hat, die eines mit denen von Torsten Paul gemeinsam haben; es geht auch Vincent nicht um Boote als symbolische Träger von Narrativen oder menschlichen Sehnsüchten. In den „Fischerboote am Strand von Saintes-Maries“ und „Les bateaux amarrées“, beide aus dem Jahr 1888, malte van Gogh das ganz alltägliche Leben der Fischer, der kleinen Boote, die unaufhörlich Baumaterial, Ziegel, Sand und Pech oder Menschen transportierten und so die Versorgung vieler ländlicher Regionen über den Wasserweg sicher stellten.

Seit kurzem bietet das Museum Folkwang über eine Zoom-Funktion Online-Besuchern eine Nahbetrachtung der Bilder van Goghs an, bei der sie jeden kleinsten Farbtupfer und jeden groben Pinselstrich aus nächster Nähe anschauen können und mithilfe dieser Makroansicht auch die dreidimensionale Struktur der Malschichten in erstaunlicher Qualität erkennbar werden lässt.

Torsten Paul - Boote

Torsten Paul - BooteTorsten Paul - BooteTorsten Pauls Boote sind ebenfalls Makroansichten, wirken wie eine gemalte Zoom-Funktion, wie Detailstudien und Ausschnittsvergrößerungen. Sie zeigen, worauf es Paul ankommt. Auf das Handwerk des Bootsbaus. Auf die Farbschichten der Bootsanstriche. Auf die fast schon forensische Konstruktion, die wie nach einer Obduktion des Schiffskörpers freigelegt erscheint. Malte van Gogh Boote in der Aufsicht, quasi aus der Vogelperspektive, so ist die Sicht auf Pauls Boote mikroskopisch. Die Bildkonzeption verzichtet entsprechend auf Horizont, auf Wasser oder Anlegestelle, Pier oder Kai. Es gibt weder Schwimmdock noch Trockendock. Man weiß nicht, sind die Boote still gelegt, ausgemustert oder zur Instandsetzung. Alles das ist unwesentlich.

Die Bildkonzeption geht auf das wesentliche, auf das Handwerk des Bootsbaus und bringt uns etwas ganz nah, was wohl auszusterben droht. Jedenfalls in unseren modernen Industriegesellschaften droht das Handwerk als Handwerk unterzugehen. Und dabei ist es nicht irgendein Handwerk. Das Handwerk des Bootsbaus hat lange Tradition. Länger als die Architektur im antiken Griechenland, woraus sich der Begriff der Kunst entwickelt hat.

Architektur, das griechische ἀρχιτέκτων [architékton] setzt sich zusammen aus αρχι- [archi-], „Haupt-“ und τέκτων [tékton], „Baumeister“ oder „Zimmermann“, liest man in Wikipedia. Und aus dem Tékton entwickelte sich über den altgriechischen Begriff τέχνη (téchne), das in der europäischen Philosophie entwickelte Verständnis von Kunst, Wissenschaft und Technik. Techne verbindet also Wissen mit Können, durchaus handwerkliches, meisterhaftes Können im Sinne von Talent und Fähigkeit zu Kunst.

Und da ist der Zusammenhang im Werk von Torsten Paul generell und speziell in der Serie: Boote schnell erkannt. Mit gekonnter Pinselführung und Spachteltechnik arbeitet Paul die Details der Bootskörper heraus, die selbst wiederum durch großes, handwerkliches Können der Bootsbaumeister entstanden sind. Präzision in der gesamten Konstruktion wie im kleinsten Detail war dabei wichtig, überlebenswichtig. Als Serie stehen die einzelnen malerischen Betrachtungen für sich selbst, aber bilden auch ein Ganzes, eine Art Zusammenschau unterschiedlichster Perspektiven.

Pauls Boote zeichnen die Bug- Heck- und Deckkonstruktionen alter Fischerboote nach, das Zimmermannswerk und die Kunst, die Planken von Vor- und Achtersteven millimetergenau zum Rumpf zu formen und mit den Deckskonstruktionen zu verbinden. Der doppelte Boden der Bilge wie die genaue Darstellung von Bugspriet, Dollen, Klampen und Nieten mittschiffs zeugen von der tief ins Handwerk hineingehenden Beschäftigung mit einem anderen, nicht weniger gekonnten Handwerk; nicht einmal Festmacher und Kardeelen fehlen in Pauls Darstellung; warum auch?

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