Schwäbisch Hall

Schon vergessen?

Mit Tendenz zur Anarchie.

Schwäbisch Hall - Baden-Württemberg

© Roman Eisele / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Schwäbisch Hall - Baden-Württemberg

Schwäbisch Hall - Baden-Württemberg

© Roman Eisele / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 & GFDL ≥ 1.2

Schwäbisch Hall  war am Ende des alten Reiches noch Reichsstadt und ein Herrschaftsgebiet von 330 Quadratkilometern und etwa 21.000 Einwohnern, was damals beachtlich war. Ihre Geschichte, jedenfalls die, die man mit großen Lettern und in Hauptsätzen schreibt, hängt zentral zusammen mit der Salzgewinnung, dem Salzhandel, einer Münze und einem „anarchischen Geist“, der über Jahrhunderte durch die Stadt wehte.
In alten Urkunden steht meist nur „Hall“ geschrieben, was sich auf die Salzgewinnung bezieht. Mit dem Zusatz „Schwäbisch“ hatte die Stadt über lange Jahre mit dem für den Bereich des Herzogtums Franken zuständigen Landgericht Würzburg Rechtsstreitereien ausgetragen, so lange also weht schon der Freigeistin der Stadt.

Seit dem Hochmittelalter wurden in Hall Münzen geprägt; Silberpfennige, die nach dem Herkunftsort „Haller Pfennige“ oder „Heller“ hießen. Aufgrund einer urkundlichen Erwähnung aus dem Jahr 1189 gilt der aus der Staufer-Dynastie stammende Friedrich I. als Urheber dieser Münze. Die Münzzeichen des Heller sind Kreuz und Hand, Symbole des Rechts und des Marktes. So kämpften die Bewohner der Stadt stets um ihre Rechte, auch wenn es gegen den Adel und die Feudalherren ging, mutig und überzeugt und dies gilt bis zum Ende des deutschen Kaiserreichs.

Hall bzw. Schwäbisch Hall wurde zwischen 1150 und 1400 zu einem bedeutenden Handelsplatz mit einem Rindermarkt, einem Milchmarkt und einem Fischmarkt sowie Verkaufsräume für Fleisch, Salz und Brot. Zum Hauptmarkt entwickelte sich der Platz vor St. Michael. Im 14., 15. und 16. Jahrhundert erweiterte die mittlerweile zur Reichsstadt aufgestiegene Stadt Schwäbisch Hall systematisch ihr Territorium. Sie kaufte Herrschaftsrechte, wann immer sich die Gelegenheit bot, und verteidigte diese notfalls mit Waffengewalt. Die letzte große Erwerbung war 1595 der Kauf der Herrschaft Vellberg. Am Ende des Alten Reichs besaß die Reichsstadt Schwäbisch Hall ein Herrschaftsgebiet mit 330 Quadratkilometern und etwa 21.000 Einwohnern, was damals beachtlich war.

Schwäbisch Hall - Baden-WürttembergSchwäbisch Hall - Baden-WürttembergSchwäbisch Hall - Baden-Württemberg

Im Bauernkrieg von 1525 konnte sich die Reichsstadt als eine der wenigen Herrschaften der Region gegen die aufständischen Bauern behaupten. Für die Beteiligung am Schmalkaldischen Krieg auf protestantischer Seite musste die Stadt hohe Bußgelder an Kaiser Karl V. entrichten.
Im Dreißigjährigen Krieg litt die Stadt schwer unter wechselnden Besatzungen durch kaiserliche, französische und schwedische Truppen. Zwischen 1634 und 1638 starb jeder fünfte Einwohner durch Seuchen und Hunger. Trotzdem gelang nach dem Ende des Kriegs ein rascher Wiederaufstieg, für den unter anderem eine Reorganisation des Salzhandels und der Saline ursächlich war. Eine weitere Quelle des Wohlstands für die Stadt war der Weinhandel.

Die eigenständige Münzprägung der Stadt endete im Jahr 1798. Das Jahr 1802 läutete für Schwäbisch Hall das Ende seiner reichsstädtischen Eigenständigkeit ein: Im Pariser Vertrag vom 20. Mai 1802 garantierte Frankreich nicht nur den Fortbestand des Herzogtums Württemberg, sondern auch Gebietsentschädigungen für linksrheinische Verluste an Frankreich.
Im Herbst 1848 ließ die württembergische Regierung die Stadt wegen des „anarchischen Geists“ der Bürgerschaft durch Truppen besetzen. Einige lokale Führer der Republikaner wurden auf dem Hohenasperg inhaftiert und wanderten später teilweise in die USA aus. Bis zum Ende des Kaiserreichs war die Mehrheit der Bürgerschaft linksliberal gesinnt und wählte entsprechende Abgeordnete in den Reichs- und Landtag. Ein Ortsverein der SPD entstand hier bereits im Jahr 1864.

Schwäbisch Hall - Baden-WürttembergMit zur Stadtgeschichte gehören auch die vielen menschlichen Schicksale der Juden. Eine jüdische Gemeinde bestand bereits im Mittelalter und wurde erstmals 1241 in Dokumenten erwähnt. Sie wurde etwa hundert Jahre später, 1349, durch ein Pogrom fast vollständig vernichtet, entstand aber später wieder neu und verschwand endgültig aus dem Stadtbild im 15. Jahrhundert. Ab 1688 kam es wieder zu einer dauerhaften Ansiedlung von Juden, die als Schutzjuden kein Bürgerrecht genossen und unter zahlreichen Einschränkungen leben mussten.

In diesen Zeitraum leitete der seit 1522 in der Stadt wirkende Theologe Johannes Brenz im Jahr 1523 die Reformation ein, die mit der Kirchenordnung von 1543 also nach zwanzig Jahren abgeschlossen wurde. Für Juden hatte die Reformation keine sichtbar guten Auswirkungen, gleichwohl der protestantische Geist sich dauerhaft in einem sozialdemokratischen Geist niederließ. Das schloss aber nicht aus, dass die Zeit der Weimarer Republik mit ihrem tiefgreifenden Wandel des politischen Klimas auch in Schwäbisch Hall ihren Niederschlag fand.

Die linksliberale DDP verlor rasch an Zustimmung, das Bürgertum wandte sich mehrheitlich der der Weimarer Republik feindlich gesinnten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) zu, die im Volksstaat Württemberg als Bürgerpartei auftrat. Eine von dem Lehrer und späteren württembergischen NS-Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler geführte Ortsgruppe der NSDAP entstand schon 1922 und hatte bereits im folgenden Jahr 180–200 Mitglieder, zerfiel aber nach 1925 wieder und entstand erst um 1930 neu. Bis zu den Wahlen von 1932 und 1933 blieb aber die SPD die stärkste politische Kraft in Schwäbisch Hall.

Die 1933 noch 121 Menschen umfassende jüdische Gemeinde wurde durch Flucht ihrer Mitglieder sowie Deportation und Ermordung der hier gebliebenen Juden ausgelöscht. Etwa 40 Schwäbisch Haller Juden fielen der nationalsozialistischen Judenverfolgung zum Opfer.

Über Rieder

Oberbayer

Zeige alle Beiträge von Rieder

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.