Wien ist anders, und daher viel besser!

Leben mit dem Tod

Wien ist eine gespaltene Stadt.

Hofburg, Wien, Österreich

J. Strauss, Wien, Österreich

Andreas Poeschek www.viennaphoto.at

Natürlich nicht wie Berlin dies einst mit seiner Mauer, quer durch’s Zentrum war. Wien ist Haupstadt von Österreich und zugleich Bundesland. Wien ist eine der vielen Gemeinden Österreichs, steht aber zusätzlich als Statutarstadt im Rang eines politischen Bezirks.

Das alles ist Wien gleichzeitig und noch viel mehr. Aber allein das reicht allemal schon aus, um von einer gespaltenen Stadt zu sprechen. Also, einer in ihrer Identität gespaltenen Stadt, die Stadt ist, gleichzeitig Bundesland, Gemeinde und Bezirk. Alles gleichzeitig, ohne erkennbare Differenz.

Kein Wunder, dass in Wien die Psychoanalyse erfunden worden ist. Wenn Identität und Differenz in einer Person nicht mehr unterscheidbar sind, also die Identität von Identität und Differenz vorliegt, spricht man mit einiger Berechtigung von Schizophrenie.

Nun ist Wien zwar keine Person, aber um als Bürger in dieser Identitäts-gespaltenen Stadt leben zu können, erfordert es sicherlich ein gerütteltest Maß an Schizophrenie; das hilft, sagt man in Wien.

Ein weitere Merkmal an Schizophrenie Leidender ist, dass die Zeitebenen nicht differenziert werden können, also ständig durcheinander kommt, was Vergangenheit war und Gegenwart ist bzw. als Zukunft bezeichnet wird. Nun, das ist in Wien der Fall. Hier fallen Verganheit, Gegenwart und Zukunft zusammen und bilden eine einzigartige Synthese von Gleichzeitigkeit, die der Wiener auf seine unnachahmliche Weise auszudrücken vermag: „Was soll’s, wir sind eh längst schon tot.“

Siegmund Freud, Wien, Österreich

„Sigmund Freud LIFE“ von Max Halberstadt

Berggasse, Wien, ÖsterreichIn der moderneren Psychiatrie spricht man ja nicht mehr von Schizophrenie (meint dies aber), sondern z. B. von bipolaren Persönlichkeiten, also z. Bsp. von manisch-depressiven Menschen. Und dies ist beim Wiener der Fall.

Wer, wenn er was sagt, eh längst schon tot ist, gehört in diesem Zustand gerade der depressiven Seite und einem exzeptionellem Verständnis von Zeit.

Da Wien aber laut der internationalen Mercer-Studie 2014, in der die Lebensqualität in 221 Städten weltweit verglichen wurde, zum sechsten Mal in Folge den ersten Rang belegte, also eine Stadt mit wahrlich hoher Lebensqualität wohl ist, sind depressive Zustände nicht gar zu lang aufrecht zu halten; meint man.

Zumal eine Studie der UNO im Jahr 20012 Wien als wohlhabendste Stadt der Welt belegt und daher niemanden außerhalb von Wien so richtig einleuchten will, warum der Wiener – und zwar nicht als Einzelfall und gar selten – sondern als grantelnder Depressiver immer und überall gilt, der nicht selten mürrisch ist und schlecht aufgelegt und am laufenden Band sudert, dessen Gedanken und Handlungen ihm und allen anderen Menschen seiner Meinung nach wenig Sinn machen, weil er eh‘ schon tot ist.

Und da sind wir auch schon beim nächsten Kriterium einer schizophrenen Erkrankung: der Verleugnung des Todes. Und das ist beim Wiener natürlich erst recht der Fall.

Alarmglocke für Scheintote, Wien, Österreich

Österreichische Nationalbibliothek, Sign.: 303.881-B.Alt-Mag.2

Dafür hat er auch den Zentralfriedhof und das dortige Bestattungsmuseum erfunden. Neben den üblichen Exponaten wie Leichenwagen, Urnen, Totenlivréen und -accessoires etc. findet man dort auch die in Wien allseits noch bekannte Vorrichtung für Scheintote, die ihnen ermöglichte, wenn sie während der Aufbahrung aus ihrem Koma erwachten, mittels einer mit Kordel an ihrem Arm verbundenen Glocke im Zimmer des Friedhofwärters kräftig Alarm schlagen zu können.

Von dieser Errungenschaft nahm man dereinst in Wien nur deshalb Abstand, weil die Alarmglocke den Schlaf des Friedhofwärters zu oft unterbrach und ihn wegen Schlaflosigkeit fast in den Tod trieb, da dauernd irgendwelche dämlichen Viecher nachts über die Kordeln stolperten, oder auch die innersomatischen, physikalisch-chemischen Vorgänge in der Leiche ruckartige Bewegungen der Gliedmaßen verursachten und so die Glocke nicht stumm bleiben ließen.

Die heutige Wiener Befindlichkeit hat also, ohne dass wir hier monokausal argumentieren möchten, was ja auch ganz falsch wäre, hat sie doch viele Ursachen, einen Grund demnach in der langen Tradition des Scheintods und wenn man ihr oder ihm so zuhört, mag man dem fast auch sinnliche Evidenz zusprechen.

Wie nah der Wiener dem Tod ist bzw. sogar sein möchte, sieht man auch daran, dass im alten Wien fast alle Friedhöfe in der Innenstadt lagen. Der als reformwillig – was in Wien arg selten ist – bekannte Kaiser Joseph II. befahl einst, Friedhöfe in den damaligen Wiener Vororten anzulegen, was nur dazu geführt hat, dass die Stadt Wien so schnell wuchs, dass nur ein paar Jahrzehnte später auch diese Friedhöfe wieder in der Stadt mittendrin lagen.

Wien wuchs also dem Tod entgegen und dahingehend konsequent war die Gründung des Zentralfriedhof in Simmering 1874. Namhafte Persönlichkeiten, die in vielen der josephinischen Vorstadtfriedhöfe angesiedelt worden waren, wurden nach Simmering kurzerhand umgesiedelt und so war ein weiteres Zusammenleben wieder möglich; man läßt doch seine Toten nicht allein.

Beethoven, Zentralfriedhof, WienVon Kaiser Joseph II., den wir ja schon als reformwillig kennen, stammt auch die Idee des Sparsargs, welcher am Boden eine Klappe hatte, durch die der Tote ins Grab fiel und der Sarg somit einer kostengünstigen Wiederverwendung zur Verfügung stand.

Da hatte er aber die Rechnung ohne seine Untertanen gemacht, denn die Proteste seiner prunksüchtigen Bevölkerung waren so laut und aggressiv, dass des Kaiser’s Sparsarg nurmehr im Museum zum Touristen schaudernden Einsatz kommt.

Auch die Idee, die Toten unterirdisch in Hochgeschwindigkeit per Tram ( oder Bim unterirdisch = U-Bahn) nach Simmering zu transportieren, konnte sich nicht durchsetzen, das war den Wienern, obschon der Verkehr erheblich unter den oberirdischen Transporten zu leiden hatte, dann doch zu anonym und wurde verworfen.

Die Verbundenheit der Wiener mit dem Tod und den Verstorbenen war auf vielen Ebenen traditionell innig, so dass man in früheren Zeiten selbst im Rahmen des Medizinstudiums die Finger von echten Verstorbenen ließ.

Brahms, Zentralfriedhof, WienIm Jahre 1781 gründete Kaiser Joseph II. in einem neuerlichen Reformschub ein Militärhospital, in dem es erlaubt war, neben der Pflege von kranken Menschen an diesen gleichzeitig medizinische Studien zu betreiben. Berüchtigt war der sogenannte Narrenturm, welcher bis 1860, also fast Hundert Jahre lang, in seinen 139 Zellen geisteskranke Menschen beherbergte. Heute sind in dem Turm nicht weniger als 42.000 Präparate von menschlichen Fehlbildungen und missgestalteten Körperteilen ausgestellt. Zum möglichst „naturnahen“ Studium für Studenten am menschlichen Organismus veranlasste unser bereits bekannter Kaiser Joseph II. die Anfertigung von lebensgrossen Wachsfiguren mit Echthaar, von denen man einige davon noch heute besichtigen kann.

Nun möchten wir nicht sagen, dass der liebe Kaiser Joseph II. nicht alle Tassen im Schrank hatte, da damals viele, den modernen Wissenschaften zugewandte Geister, ähnliche mentale Reformschübe hatten und die Medizin sich auf dieser Grundlage generell doch, zugegebenermaßen, ganz rasant entwickelt hat und Wien zu der Zeit ein Zentrum der Entwicklung war. Was Siegmund Freud jedenfalls vorfand, war natürlich bestens geeignet, die enge Verbindung von klassischer Medizin und Geisteskrankheiten zu nutzen und nur hier in Wien konnte er besser als sonst wo fündig werden.

 Zentralfriedhof, WienLinie 71, Zentralfriedhof, WienNun fehlt natürlich bei all den tiefen Betrachtungen über Wien und den Tod noch ein weiteres entscheidendes Bindeglied zwischen dem Wiener als vernuftbegabtem Wesen, was er selten und wenn ungern nur ist, und der durchaus lebendigen Welt der Toten, wie sie nur der Wiener kennt. Und das ist in Wien der Fall, der Hans Moser heißt.

Hans Moser, oder präziser gesagt, die wichtigsten Teile des Wiener Liedguts, das ja eine eigene musikalische Gattung bildet, zeichnet überragend einsichtig die Seinsfrage, also die Frage aller Fragen, als eine enge Verbindung zwischen dem Tod, der Liebe und dem dionysischen Rausch, der alles mit allem verbindet. Und nur der Wiener kennt die Antwort auf die uns Deutschen so endlos quälende, heiderggerianische Frage nach dem Sein und die lautet: Es wird Wein sein….

Berauscht vom Heurigen oder anderen Reeben, singt der Moser im alkoholinduzierten Rausch; alternativ auch: Fetz’n, Duliöh, Damenspitz, Schwips, Lett’n, kärnterisch „Radullnig“, oder auch: „Gut einen Im Tee haben“, „illuminiert sein“, „im Öl sein“ am schönsten im Duett mit einem angeschickerten, musikalischen Pendant Paul Hörbiger die unnachahmliche Wiener Antwort auf alle unsere Fragen, die natürlich selbst im extatisch dionysischen Zustand ein bisserl morbid daherkommen muss:

Refrain: Hollodaro! Hollodaro! „Es wird a Wein sein, und mir wer’n nimmer sein, d’rum g’niaß ma ‘s Leb’n so lang’s uns g’freut. / ‘S wird schöne Maderln geb’n, und wir werd’n nimmer leb’n, D’rum greif ma zua, g’rad is’s no Zeit.“.

Und wen die Verbindung zwischen Leben, Tod und Geld, die eine ganz wichtige ist, interessiert, der höre dem Lied gern weiter zu und weiß dabei, dass die traditionelle Straßenbahnlinie 71 (der 71er; in Wien ist die Straßenbahn männlich, also der Straßenbahn, der Tram oder der Linie 71), die oft  in einem Atemzug mit dem Zentralfriedhof genannt wird, von der Börsegasse über die Wiener Ringstraße, den Rennweg und die Simmeringer Hauptstraße direkt zum Friedhof fährt. Der 71er stellt so auch in zahlreichen Geschichten, Anekdoten und Liedern den letzten Weg eines jeden Wieners dar. So hört man nicht selten über einen Verstorbenen umgangssprachlich: Er hat den 71er genommen. Na also, so ist der Wiener, er wird nicht zu Grabe getragen, er fährt mit der Tram zum Tod; duliöh!

Schluss mit dem Tod!

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