Bernard Lokai 2015

Neue Werke

Entfesselung der Kräfte

Bernard Lokai, Ohne Titel, 2015

Bei den neuen Werken von Bernard Lokai ist es wie mit der Kernphysik. Treffen Elemente direkt aufeinander, werden starke Kräfte frei. Vergleicht man die neuen Werke von Lokai mit ihren zeitlichen Vorgängern, wird man feststellen, eine Revolution hat auf den ersten Blick nicht stattgefunden.

Es sind gleiche oder ähnliche Farben und Farbkompositionen, ähnliche Bildkompositionen, vergleichbare Formate, Bildträger und Materialien. Und doch scheint alles anders zu sein. Waren die einzelnen Bildelemente vormals in einem strengen, kompositorischen Raster verankert mit überwiegend klaren Abgrenzungen und ohne Bruchstellen von Spontaneität, so lösen sich die Abgrenzungen in den neuen Werken von Lokai auf, überschreiten ihre eigenen, künstlerischen Grenzen, entfalten ihre Kraft zur eigenen Dekonstruktion.

In den neuen Werken spielt Lokai mit Schärfe und Unschärfe, Vorder- und Hintergrund, bringt unterschiedliche Maltechniken zusammen, sprüht, wischt, reibt, hinterlässt starke, aufgesetzte Linien wie Graffitti im Bild. So erreichen seine Werke eine ganz neue Dimension von Spontaneität, werden dreidimensional, setzen ihre sonst gebundenen Kräfte frei. Die einzelnen emotionalen Kräfte der Bildelemente springen aus dem Raster, dehnen sich aus in den Raum, verlassen das Bild, werden zur Aura. Manche Bildelemente scheinen zu schweben, ja den Bildern zu entschweben. Wie selbständige Objekte im Raum, ohne Anziehungskräfte, zeitlos.

Die neuen Werke von Bernard Lokai demonstrieren einen Entwicklungsprozeß in seiner Malerei, der radikaler ist, als es aussieht. Wenn gleich vieles ähnlich gegenüber den früheren Werken erscheint, wenn Lokai selbst die „Blöcke“ wieder in sein Schaffen aufnimmt, so ist doch der Schritt, der an diesen neuen Punkt führt, ein gewaltiger Schritt; mehr noch, ein Sprung.

Bernard Lokai: aus dem Atelier

Lokai ist nicht einfach losgesprungen. Begonnen hat es mit einer künstlerischen Selbstreflexion derart, dass Lokai frühere Werke an seiner Atelierwand aneinander gereiht hat, um zu sehen, ob eine Entwicklung stattfindet, ob Sprünge in den Bildern erkennbar, spürbar sind, aus denen sie herausstreben, oder ob nicht doch eine Phase seiner künstlerischen Entwicklung mittlerweile abgeschlossen ist. Bemerkenswert radikal, diese Reflexion allein den Werken selbst zu überlassen. Radikaler kann kein Urteil ausfallen, und es war beängstigend: diese Entwicklung war abgeschlossen.

Bernard Lokai, Beta, 2015Sich daraus zu befreien und neue Ideen für eine noch nicht definierte, nicht einmal vage sich abzeichnende Neu- oder Weiterentwicklung nicht in Sicht. Alle guten Künstler kennen solche Phasen. Nicht alle, eher wenige überwinden sie in wirklich überzeugender Manier.

Lokai beschrieb den Fortgang seiner künstlerischen Tätigkeit metaphorisch als einen „Dialog“, ein Gespräch derart, dass seine „Bilder mit ihm sprechern“ als einen „Dialogue interieure“.

Interieure deshalb, weil abstrakte Malerei ja einmal keinen Dialog mit der äußeren Natur, mit Gegenständen der empirischen Welt führt und weiterhin auch nicht mit den Wünschen oder Ansprüchen eines anderen Menschen, eines Sammlers, Galeristen oder des Kunstmarktes. „Es ist nicht leicht, sogar (fast) unmöglich, mit diesem Blick eines Fremden, der über meine Schulter fällt, weiterzuarbeiten.“

Also ist es um so wichtiger, diesen inneren Dialog, so er einmal droht zu verstummen, wieder zu Worte kommen zu lassen. Es ist nicht nur wichtig, dieses lautlose, wortlose Gespräch zu erkennen, sondern zu ermöglichen. Man muss mit dem Bild allein sein, die momentane Konzentration auf das Malen als Dialogue interieure freisetzen, der Leinwand als dem einzigen Gegenüber offen begegnen. Das Bild wartet gewissermaßen auf dieses momentum.

Bernard Lokai, Ohne Titel, 2015In seinen früheren Werken ist Lokai zu einem Punkt gekommen, dass das Ordnen und Komponieren mit Farben, Kontrasten, Linien und geometrischen Formen, ohne absichtliche Abbildung von Gegenständen, eine Bildsprache erreicht hat, deren Vokabular weitgehend ausformuliert schien. Nun, das Vokabular zu erweitern ist nicht leicht, zumal an diesem erreichten Punkt des künstlerischen Selbstverständnisses.

Den neuen Werken sieht man an, dass z. B. die Formen der angelegten, hinteren Farben in manchen Werken teilweise ganz verwaschen und wenig klar angelegt sind. Kleine Kontur tauchen wie Schatten auf der Leinwand auf, bleiben bestehen, oder werden im Verlauf zu Übergängen anderer Bildelemente. Kräftige Pinselstriche wandern zwischen die Flächen und mit der Weile wachsen sie zu figürlichen Schemen, die die Flächen der ersten Farbablage des Hintergrunds erst zum Hintergrund werden lassen. Linien werden breiter in die Fläche gezogen, bekommen Verläufe, wandern in die Weite, in die bereits andere Farben eingetragen sind. Im inneren Dialog geschehen spontane Wechsel der Farben und weitere neue Linien ergänzen konturlose Bereiche, bis sie sich, manchmal farbig schattiert, wieder als Flächen öffnen.

Die endgültigen Farben entstehen somit erst auf der Leinwand, mischen sich im Verlauf des inneren Dialogs, kaum eine wird vorher auf der Palette fertig zusammengestellt. Und je mehr Dialog sattfindet, je weiter man in seiner künstlerischen Freiheit geht, desto größer wird die Gefahr der Übertreibung mit Fehlern als notwendiger Konsequenz. Zuviel Farbe, ein abgerutschter Pinsel, zu viel, zu weit gesprühte Schatten verkommen zu unansehnlichen Elementen. Ein weiteres Mischen von Farbe mißlingt, die Farbe verliert den Kontakt zum Untergrund, schmiert, Genauigkeit und Brillanz gehen verloren; das Bild „fühlt sich nicht mehr wohl.“

Bernard Lokai, Ohne Titel, 2015

Ob ein Bild sich wohlfühlt, kann man sehen. Es erzählt auch, dass da Fehler in ihm sind, Elemente ohne Leben, kraftlose Zentren, Marginalitäten, die nicht sein sollten. Doch diese Brüche und Dissonanzen im inneren Dialog kennzeichnen einen Prozess von deutlich größerer Freiheit beim Malen, von einem viel facettenreicheren Dialog, einer neuen Sprache. Denn weitgefehlt zu glauben, die neuen Bilder entstehen analog zu einer vorhandenen, nur noch nicht ganz durchmessenen Sprache; um bei dieser Metapher zu bleiben. Die neuen Bilder zeigen ein neues Vokabular, das in ihren zeitlichen Vorgängern nicht enthalten war. Weder virtuell noch potenziell.
Dieser Sprung in eine neue Bildsprache, nicht jedem Künstler gelingt er.

Vielleicht liegt auch hierin mitbegründet, dass Bernard Lokai gerade jetzt in den USA – traditionell äußerst interessiert an zeitgenössischer Kunst aus Europa und speziell aus Deutschland – so viel Aufmerksamkeit erfährt. Von seiner Einladung nach San Francisco zu einer Einzelausstellung im Mai 2015 in der hosfelt Gallery haben wir auf OnGolf schon berichtet.

Zur Startseite: Bernard Lokai. Was vielleicht noch so aussieht wie Landschaft.

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