Düsseldorf – mal anders Teil 1: Die Kneipen

Von Zappa bis Zero

Gehry Bauten in Düsseldorf

Düsseldorfs berühmte K-Gruppe: Kö – Kneipen – Kunstakademie.

Günther Uecker, DüsseldorfDas sind die drei K, die wohl jeder kennt. Dann vielleicht noch das K20, die Kunstsammlung, und das K21, das alte Ständehaus, ehemals NRW Landtag und heute ein berühmtes Museum für die internationale Kunst der Gegenwart.

Wir folgen jetzt mal nicht dem K von Klischee und beginnen mit dem vielleicht berühmtesten K von Düsseldorf, der Königsallee.

Kanz im Kegenteil, fangen wir mit einem K also Kapitel der Stadt an, das sicherlich jüngere Düsseldorfer nicht mehr so genau kennen, das aber bis in die heutigen Tage große Bedeutung hat in der Stadt und für die Stadt, ja, wahrscheinlich den Ruf, das Image von Düsseldorf mehr geprägt hat und prägt, als die berühmte Einkaufsmeile, die selbst nach ihrer Verlängerung in Richtung Norden noch immer keine Meile misst, nicht mal einen Kilometer..

Wenn man den Bekanntheitswert der Stadt nicht an den tag-täglichen Werbeausgaben für den Konsum, sondern an dem internationalen Bekanntheitswert misst, der für die Stadt fast kostenlos entsteht, dann profitiert Düsseldorf schon seit langem und mehr von seiner Bedeutung als Stadt der Künste. Aber bevor wir uns den den drei K’s der Düsseldorfer Museen zuwenden, fangen wir doch mal mitten in der Stadt an.

 Düsseldorf

DüsseldorfDüsseldorfVon Zappa bis Zero

Ein weiteres, mittlerweile in Musikerkreisen weltweit sehr bekanntes K, das auch sehr viel mit Kunst zu tun hat, ergibt den Anfangsbuchstaben von Kraftwerk, einer wegweisenden Musikband aus Düsseldorf, die 1970 auch in der legendären Düsseldorfer Kneipe Creamcheese auftrat. Beginnen wir also mit dem ersten K, das ein C ist, aber wir sind mal so frei.

Das Cream wie es von uns ständigen Besuchern nur kurz genannt wurde, war eine Erfindung der weit über die Grenzen Düsseldorfs hinaus bekannten, wunderschönen, viel umschwärmten Ikone der Künstler- und Gastronomie Szene, Bim Reinert, die das „Tanzlokal“ 1969 mit ihrem Mann, Hans-Joachim, ins Leben gerufen hat und am 3. Juni 2011 leider vom Leben schied.

Es war Günther Uecker, der mit der Idee eines konzeptionell gestalteten Tanzlokals aus New York nach Düsseldorf zurückkam. Er hatte sich 1961 der Düsseldorfer Künstlergruppe Zero um Otto Piene und Heinz Mack angeschlossen und lernte 1965 in NYC Zappas Live-Shows kennen, erlebte Andy Warhols „The Exploding Plastic Inevitable“, ein multimediales Event in der Tradition des Expanded Cinema, bei dem die Band The Velvet Underground auftrat und Stroboskopen blitzten.

Mit Zero arbeitete Uecker bereits in Düsseldorf daran, dynamische Elemente wie Licht, Bewegung und raumzeitliche Strukturen in ein Werk zu integrieren und hatte sich auch der Kinetik zugewandt. New York brachte nun alles zusammen: Licht, Ton, visuelle Effekte und Musik in experimenteller Synthese wie in den spektakulären New Yorker Inszenierungen von Zappa und Warhol – das war die Idee und das Konzept für das Düsseldorfer Creamcheese.

cream-logoIn der Neubrückstr. 12, nicht gerade eine Prachtstraße der Düsseldorfer Altstadt, in einem damals schon reifen Altbau werkelten Uecker, Ferdinand Kriwet, Daniel Spoerri und der Filmemacher Lutz Mommartz geheimnisvoll am Interieur und Konzept, von dem, und das war für damalige Verhältnisse Top Social Marketing, die gesamte Altstadt-Szene Wochen vor der Eröffnung herumrätselte, was wohl dort entstehe.

Heinz Mack gestaltete eine zwanzig Meter lange Bar, hinter der heute populäre Künstler wie Blinky Palermo und Katharina Sieverding Getränke ausschenkten. Auf zwei Regalen reihten sich 24 laufende Fernseher, die Live-Aufnahmen des Aktionsraumes zeigten. Dieser befand sich im hinteren Teil des Lokals,

Heraus kamen eine 20 Meter lange Stahltheke mit einer Spiegel-Lamellen-Rückwand, hinter der heute so populäre Künstler wie Blinky Palermo und Katharina Sieverding Getränke ausschenkten. Im Eingang befand sich eine Wandtapete von Ferdinand Kriwet, neben der Garderobe ein Objekt aus konvexen Rundspiegeln des Künstlers Adolf Luther, ein „Mädchenbild“ von Gerhard Richter über dem Podest aus Betonstufen. Konrad Fischer-Lueg hatte aufgeblasene Gummi-Enten an die Decke montiert, auf zwei Regalen liefen 24 Fernseher, die Live-Aufnahmen des Aktionsraumes zeigten, der sich im hinteren Teil des Lokals befand, Es gab Kunstwerke bzw. Objekte wie Ueckers „electric Garden“, ein riesiger Nagel in einem Metallkäfig zu sehen.

Düsseldorf - Altstadt - Ratinger StrasseDie „längste Theke der Welt“ zog jede Menge „Rocker“ an, darunter Bands wie Atomic Rooster, Iron Butterfly, Camel, Pink Floyd, Birth Control, Kraftwerk, Supertramp, Genesis, Deep Purple und Frank Zappa, der mit seinem Song „Son of Suzie Creamcheese“ den Namen für’s Cream lieferte. Und Weihnachten feiern mit Kraftwerk, oder, wenn es ganz und gar antibürgerlich werden sollte, mit Filmen vom Vietnam-Krieg und stundenlangem Schweineschlachten im Schlachthof ab Heiligabend, dazu Musik von Can und „gute Drogen“, das waren damals neben Hausbesetzungen, Kommunen und anarchischen Gerilla-Aktionen etc. auch Düsseldorfs Beiträge zu den 68ger Protesten in Berlin, Frankfurt und Paris.

Spektakulär, legendär, originell, der Ruf des Cream verbreitet sich schnell, die Top Acts aus der Musikszene, zudem die „guten Drogen“, machten die Kneipe auch für jede Menge Künstler, Kreative und solche, die es nicht geschafft haben, zum attraktiven Dauertreff und zur Bühne. Beuys und Herzfeld führten am 5. Dezember 1968 die gemeinsame Aktion Handaktion und Der Tisch auf. Aber auch für Theateraufführungen, DJ-Auftritte oder avantgardistische Modenschauen stand der Aktionsraum zur Verfügung.

Als erster deutscher Club integrierte das Creamcheese intermediale Elemente und führte Skulptur, Aktion, Malerei, Theater und Musik in schwindelerregender Überlagerung zusammen. Als das Lokal in der Düsseldorfer Altstadt 1976 schließen musste, war das Creamcheese längst über die Grenzen des Rheinlands hinaus bekannt

Frank Zappa

Ending up with a boring life

Das Cream war zu einem Gesamtkunstwerk geworden und entwickelte sich zu einem Stück Zeitgeschichte. So äußerte sich der langjährige documenta-Ausstellungsleiter Arnold Bode 1968 über das Creamcheese: „Das ist keine Kneipe, sondern als Raum ein Gesamtkunstwerk.“

Der Nachbau der damaligen „längsten Theke Deutschlands“ wurde zeitweise im Düsseldorfer Kunstmuseum Ehrenhof mit den Original-Exponaten ausgestellt. Erwähnung fand das Creamcheese auch in „Summer of Love“, einer Ausstellung der Tate Liverpool in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main und der Kunsthalle Wien.

Dusseldorf disco comes to the Guggenheim as Creamcheese matures

„As part of its new exhibition Zero: Countdown to Tomorrow, about the German-based Zero movement, the museum re-created for one night only the influential nightclub Creamcheese that helped give birth to krautrock

When people talk about influential clubs, they’re usually in places like New York and London. However, on Saturday night, the Guggenheim museum re-created the glory days of a disco in Dusseldorf. Founded in 1968, Creamcheese was named after a song by Frank Zappa and proved to be a crucible for krautrock, with a playlist which, over the years, included such classics as Mushroom by Can, Hollywood by Cluster and Hallogallo by Neu!, all of which were blasted in the Guggenheim’s famous atrium. The club also hosted Kraftwerk’s first performance, a pleasing symmetry given that the synth pioneers now generally tour art galleries such as with their residency at Tate Modern in 2013.“ Alex Needham in theguardian, Monday 17 November 2014.
Mehr Infos zum Creamcheese auf der Webseite Schirn Magazin.


Von Krautrock und Zero zum Punk in Toten Hosen

Dass also das Cream für Düsseldorf’s Ruf über seine Grenzen hinaus einiges bedeutet, ist unstrittig. Ebenso ein weiteres K aus dem gleichen Viertel der Altstadt, der Ratinger Hof; also Campino. Der „Hof“ wie er kurz und bündig hieß, war ein Drecksloch, an dessen Theke Malerfürsten im Altbierrausch dozierten, Exzesse wie die Performance von Minus Delta T, die 1978 den Hof unter Wasser setzten, säckeweise Mehl verschütteten und mit Schlachtereiabfällen um sich warfen, legendäre, hemmungslos wilde Alt Weiber Fastnacht-Exzesse gefeiert wurden und das mit den Toten Hosen und der Zeit der Punk-Musik zur Legende geworden ist.

Ratinger Hof, DüsseldorfJoseph BeuysakademieschliessungDer Ratinger Hof war wie das Cream vorher eine Künstlerkneipe in den 1970er und frühen 1980er Jahren. Der Hof war aber viel mehr Szenetreffpunkt der Undergroundkultur in Düsseldorf und weit darüber hinaus.

Nachdem in England die Punk-Musik entstanden war, wurde der Hof zur Geburtsstätte des deutschen Punk, der nach einiger Zeit, als der Hof ständig bekannte Punkbands wie 999, Wire, S.Y.P.H., Mittagspause, Fehlfarben, Male, Charley’s Girls, die West-Berliner Band DIN A Testbild, Minus Delta t, Die nachdenklichen Wehrpflichtigen und andere gesehen hatte mit dem Namen Campino und den Toten Hosen unzertrennlich wurde.

Im Bierkeller wurde geprobt, nachts erschienen die Jungs von Kraftwerk, Neu oder La Düsseldorf an der Theke und jede Menge Künstler von der Akademie und jene, denen mit der Schließung des Cream sozusagen das Dach über dem Kopf geraubt wurde.

Carmen und Imi Knoebel

Carmen und Imi Knoebel

Imi Knoebel und Katharina Sieverding, die im Cream an der Theke beschäftigt waren, waren wieder da, Joseph Beuys selbstverständlich auch, Blinky Palermo, Sigmar Polke, Thomas Ruff, Thomas Schütte, Axel Hütte, Trini Trimpop, Muscha, Christof Kohlhöfer, Klaus Mettig, A. R. Penck, Markus Oehlen, Jörg Immendorff, zeitweise Dauergast, und viele andere übernahmen von den Althippies, die vorher hier ihren „Stoff“ bekamen, das Lokal, bevor es endgültig von den Punks aus der Stadt und an Wochenenden aus ganz NRW besetzt wurde.

Unter den Inhaberinnen Carmen Knoebel und Ingrid Kohlhöfer (1974-1979) und mit Imi Knoebels radikalem Neudesign, alle Wände wurden weiß gestrichen und Neonlicht erhellte grell die Räumlichkeiten vollzog sich die Wandlung des Hofs von einem nett möblierten Wildwest-Club mit Sternchenhimmel zum Punk-Mekka Deutschlands.
Bis zu seiner Schließung 1989 vollzog der Hof noch einige Wandlungen seines postmodernen Schicksals. Germanistikstudenten aus der Intellektuellen-Kneipe nebenan, Zur Uel, tanzten Pogo mit den Punks und schliffen an ihrem lustvollen, postmodernen Gegenkanon zur literarischen Tradition, den der Dichter und Hof-Gänger Thomas Kling, der 2005 viel zu früh starb, wohl am besten in seinem Nachlassbuch zu Lebzeiten „Auswertung der Flugdaten“ auf den „Begriff“ gebacht hat.
Was zum Lesen? Wochengedicht von Th. Kling: Webseite Tageswoche.
Weiterlesen? Webseite Dumont Buchverlag.
Wer mehr zum Ratinger Hof lesen möchte, der findet hier weitere Informationen: Webseite rga-online,
Webseite Spiegel oder hier auf der Webseite WZ-Newsline.


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