Gaudeamus igitur
Tübingen ist eine Universitätsstadt. Mit der im Jahr 1477 gegründeten Eberhard Karls Universität gehört die Stadt zu den ältesten deutschen Universitätsstädten. Das städtische Leben in den Bars, Kneipen, Parks und das gesamte kulturelle Leben werden stark von den etwa 28.700 Studenten (Stand: Wintersemester 2022/23) geprägt. Tübingen ist daher mit einem Altersdurchschnitt von rund 40 Jahren eine der jüngsten Städte Deutschlands; so weit, so gut. Aber daran ist noch nichts von historischer Bedeutung, zumal es mit Freiburg und anderen Universitätsstädten einige Wettbewerber um das historische Erbe mit besseren Voraussetzungen gibt. Aber schauen wir genauer hin.
Die Tübimger Uni war zeitweise Studienort von Männern der Widerstandsbewegung vom 20. Juli 1944. Das ist von historischer Bedeutung. Zumal und nicht nur in Deutschland kleine Städte mit großen Universitäten gerade keine Orte eines besonders kritischen politischen Bewusstseins, gar politischen Widerstands sind. Die kommen dann doch eher aus größeren Universitätsstädten. Man ist schnell versucht zu glauben, da ist etwas dran, das hat Kalkül, wenn Politik und Herrschaft Universitäten gerade in einem nicht ganz so ausentwickelten urbanen Umfeld ansiedelen und dort fördern.
Man nehme also eine Uni, ein gediegenes Ordinariat, erlaube alles im Zusammenhang mit Wein, Weib und Gesang, so es den Interessen und Bedürfnissen einer individuellen, intellektuellen und beruflichen Entwicklung dienlich ist, dann sind sogar kleine politische und anarchische Scharmützel mit der Obrigkeit gerade noch erlaubt. Günstig sind auch die schlagenden Studentenverbindungen, die das Saufen und die Mensur im tradierten Umfeld zwischen Alt und Jung erleben; so bleibt alles in der „Familie“.
Größere politisch und historisch relevante Bewegungen in Deutschland kamen letztlich doch aus den großen Universitätsstädten wie Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, München, Köln und aus dem Umfeld der Kunstakademie Düsseldorf. Man studierte fleißig, genoß das feucht-fröhliche Studentenleben, trieb sorgsam Wissenschaft und zählt sich gerne zur geistigen Elite einer Nation. Das ist kein Zufall. Und das war die Regel in den kleinen Städten mit den großen Universitäten.
Nur einer hielt sich nicht an die Regel, hielt sich an keine Regeln, Friedrich Hölderlin, der von 1807 bis 1843 in Pflege im Hölderlinturm am Neckar lebte. Hölderlin gehörte zu den bedeutendsten Lyrikern seiner Zeit und sein Werk lässt sich nach den Regeln der deutschen Literatur um 1800 weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuordnen. Als er 1806 in Homburg mit Gewalt in eine Kutsche verfrachtet und nach Tübingen verbracht worden war, geriet er in die medizinischen Fänge des Herrn von Autentrieth, bekam reichlich zur Abführung, was intensive und anhaltende, zum Teil blutige Durchfälle provozierte; nur die diagnostizierte Krankheit, eine „Manie als Nachkrankheit der Krätze“ wollte seinen Körper partout nicht mit verlassen.
Man versuchte vieles an ihm, aber alle Formen der damals neuesten Zwangsbehandlungen zerannen der Medizin buchstäblich zwischen den Händen; immerhin, Hölderlin wurde nicht einfach wie damals üblich als Geisteskranker eingesprerrt, man müht sich um ihn.
1807 gab sein Arzt auf, von Autentrieth entließ ihn als unheilbar und Hölderlin zog zur Pflege in den Haushalt Ernst Zimmers, eines Tübinger Tischlers und Bewunderers des Hyperion. Hier bekam er die Pflege und Aufmerksamkeit, der er brauchte und die ihn befähigte, wieder mit der Dichtung fortzufahren. Zwischen 1829 und 1837 wurde Hölderlin als „Tübinger Attraktion“ zunehmend Opfer zahlreicher, von ihm nicht selten als störend empfundener Besuche von Fremden und Reisenden.
Man kann es so sehen, er zahlte dafür mit dem Verlust des dichterischen „Ich“, aber auch so sehen, Pseudonyme, die er ab da immer häufiger im dichterischen Werk verwendete wie: „Buonarotti“, „Scardanelli“ , sowie die Datierung von Gedichten teils Jahrzehnte bis Jahrhunderte in die Vergangenheit oder die Zukunft schufen ihm die nötige Distanz und den Schutz, sowie eine allein von ihm geschaffene Ordnung, ohne die er nicht sein konnte.
Hölderlin starb am 7. Juni 1843 um Mitternacht bei weitgehender körperlicher Gesundheit. Seine Grabstätte findet man auf dem Tübinger Stadtfriedhof, seine Werke werden nie vergehen.
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne;
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm‘ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)
„Ulmer Geld regiert die Welt.“
Diesen mittelalterlichen Spruch kennt man wohl außerhalb der Ulmer Stadtmauern nicht mehr. Aber man sollte sich wieder an ihn erinnern; das versuchen wir hier an dieser Stelle.
Ulm ist mit knapp 130.000 Einwohnern wahrlich keine Großstadt – außer in bundesdeutschen Kategorien natürlich. Dann aber folgzt sogleich eine Besonderheit: die Stadt ist nach dem Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg eines von insgesamt 14 Oberzentren des Landes und bildet mit Neu-Ulm eines der länderübergreifenden Doppelzentren Deutschlands mit rund 190.000 Einwohnern.
Diese Beziehung wird auch als Doppelstadt oder Zweilandstadt bezeichnet, weil der eine Teil in Baden-Württemberg und der andere in Bayern liegt. So weit so gut.
Besonders, geradezu einmalig und dafür bekannt ist die Stadt wegen ihres gotischen Münsters, dessen Kirchturm mit 161,53 Metern der höchste der Welt ist. Weiterhin bemerkenswert ist die lange bürgerliche Tradition Ulms mit der ältesten Verfassung einer deutschen Stadt und einem Stadttheater, dessen Anfänge bis ins Jahr 1641 zurückreichen.
Man darf ruhig sagen, dass das Ulmer Theater und die Dramen von William Shakespeare fast Zeitgenossen waren, zumindest bald nach dem Tod des Dichters, 1616, hier hätten aufgeführt worden sein, aber ein entsprechendes Theaterprogramm ist leider nicht überliefert.
Der Bau des Doms wie auch des Theaters haben die gleiche Quelle, die es den Stadträten und -Planern erlaubten, Ulm zu einem Zenztrum von Kunst und Kultur werden zu lassen: das liebe Geld.
Ihren wirtschaftlichen wie kulturellen Höhepunkt erreichte die Stadtentwicklung um 1500: Ulm besaß das nach Nürnberg zweitgrößte, reichsstädtische Territorium auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Drei Städte (Geislingen, Albeck und Leipheim) sowie 55 Dörfer gehörten zum Gebiet.
Die Stadt wurde in dieser Zeit wichtiger Umschlagplatz für Eisen, Textilwaren, Salz, Holz und Wein. Gleichzeitig entwickelte sich Ulm seit Mitte des 15. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Kunstzentren Süddeutschlands. Kunstwerke aus Ulmer Produktion – vor allem aufwändig gestaltete Skulpturen und die berühmten Ulmer Flügelaltäre /Triptychons – wurden weit über die Stadtgrenzen hinaus zu „Exportschlagern“ und bis nach Wien, Sterzing (Südtirol) und in die Niederlande gehandelt.
Aus dieser Zeit stammt auch der Reim, der die Stellung der Stadt in der damaligen Welt untermauerte:
Venediger Macht,
Augsburger Pracht,
Nürnberger Witz,
Straßburger Geschütz,
und Ulmer Geld
regier’n die Welt.

Mit dem Ulmer Geld im Vers ist neben dem in Ulm geprägten und von Ulmer Handelsleuten und Bankiers reichlich verwendeten Münzgeld auch jene „Währung“ gemeint, die den eigentlichen Reichtum der Stadt und der Region ausmachte – der Barchent.
Der Barchent ist ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen, welches nach strengster Prüfung mit dem Ulmer Siegel versehen für eine so außergewöhnlich hohe Qualität bürgte, dass er, da in ganz Europa begehrt, so gut wie Geld war.
Man braucht nicht viel Phanatsie, um in dem Barchent einen Vorläufer der Idee des „Made in Germany“ zu erkennen; nicht zu verwechseln mit dem historischen Vorläufer, der kam erst nach 1945 ins Spiel.
Und noch etwas zählen wir zum historischen Bestand aus Ulmer Zeiten und das wurde damals der „Große Schwörbrief“ genannt.
Der Große Schwörbrief, die Ulmer Verfassung, trat bereits 1397 in Kraft, nachdem der Kompromiss des Kleinen Schwörbriefs „immer unbefriedigender wurde“. (Hans Eugen Specker: Ulm. Stadtgeschichte. Ulm 1977, S. 53.)
Er regelte mehr als nur die Machtverteilung und die Aufgaben des Bürgermeisters. Die Zünfte hatten nun 30, die Patrizier nur noch 10 Ratssitze und dies zu einer Zeit, die ganz und gar als die Zeit von Adel und Klerus beschrieben wird.
Und damit nicht genug: Gleichzeitig wurde den Patriziern das aktive Wahlrecht verweigert und der Bürgermeister musste den Einwohnern Rechenschaft ablegen; das funktioniert noch nicht einmal heute überall reibungslos. Der Schwörmontag (vorletzter Montag im Juli) ist seither ein Ulmer Feiertag; Recht haben sie. Wer mehr über Ulm wissen möchte, hier finden Sie weitere Informationen…
Der faustische Charakter der Vernunft.
Die Geschichte der Stadt Weimar füllte locker mittelgroße Bibliotheken. Unmöglich daher, alle Fakten von historischer Bedeutung adäquat hier zu würdigen. Wir beschränken uns auf einige uns wichtig erscheinende Aspekte der Stadtgeschichte, wobei zwei dabei herausstechen: Weimer als die Stadt der Künste und Namensgeberin der ersten Republik auf deutschem Boden. Mehr Geschichte geht allein damit schon nicht in deutschen Landen und doch soll festgehalten werden, sie hat ein Doppelgesicht, ein zweites, faustisches Gesicht; das wollen wir aus dem Vergessen heraushalten.
Die Geschichte als Stadt der Künste begann spätestens im sogenannten im 16. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert sind die Kunstmaler Lucas Cranach der Ältere – einer der bedeutendsten deutschen Maler, Grafiker und Buchdrucker der Renaissance – und der Jüngere in Weimar tätig. Cranach gründete die damals bedeutendste Malerschule, ganz nach den Florentiner- und römischen Malschulen und brach damit ein Prinzip, das der eindeutigen Zuordnung zu einem Künstler. Die Saat war gelegt, der Künstler trat hinter seinem Werk zurück. Die Cranach-Werkstatt, die mutmaßlich rund 5000 Gemälde hinterlassen hat, wurde von seinem gleichnamigen Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren fortgeführt. Er starb am 16. Oktober 1553 in Weimar und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Weimarer Jakobsfriedhof. Er liegt in der sogenannten Cranachgruft und auf seinem Grabstein wird er als „der schnellste Maler“ bezeichnet. Die „Schnelligkeit“ aber war verdankt der vielen begabten Hände der Malerschule, die vollbrachten, was der Meister oft nur skizziert oder angeregt hatte.
Bach revolutionierte die Musikkunst – zu seinen bekanntesten Werken gehören Toccata und Fuge d-Moll, Das Wohltemperierte Klavier, die Brandenburgischen Konzerte, viele Kirchenkantaten, die Matthäus-Passion, das Weihnachtsoratorium, die h-Moll-Messe und Die Kunst der Fuge.
Seine Werke beeinflussten spätere Komponistengenerationen und inspirierten musikschaffende Künstler zu zahllosen Bearbeitungen. Nur wenige von Bachs Kompositionen erschienen zu seinen Lebzeiten im Druck (wie aber auch bei vielen anderen Barockkomponisten der Fall), und der Großteil seiner Werke geriet nach seinem Tod jahrzehntelang weitgehend in Vergessenheit.
Damals war es unüblich, Werke aus der Vergangenheit noch weiter öffentlich aufzuführen. Musikkennern waren Bachs Werke für einzelne Soloinstrumente jedoch weiter bekannt und wurden als Hausmusik gespielt.
Im 17. Jahrhundert erfolgte die Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft – auch Palmenorden genannt. Sie war nach dem Vorbild der italienischen Renaissance-Akademien die erste und mit 890 Mitgliedern auch größte deutsche Sprachakademie.
Ins 18. Jahrhundert fallen die Aufenthalte von Johann Sebastian Bach. Darauf folgt die Weimarer Klassik mit Wieland, einem der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung im deutschen Sprachgebiet und der Älteste des klassischen Viergestirns von Weimar mit Goethe, Herder und Schiller.
Wieland wurde 1772 durch die verwitwete Herzogin und Komponistin Anna Amalia von Sachsen-Weimar Wieland zur Erziehung ihrer beiden Söhne nach Weimar berufen und, obwohl er kein Freund des Absolutismus war, reizte ihn die Möglichkeit, auf den künftigen Herzog Einfluss durch Erziehung und Bildung nehmen zu können. Wieland bezog als herzoglicher Hofrat ein gesichertes Gehalt und ordentliche lieterarische Schelte von den Dichtern des Sturm und Drangs, um schlussendlich mit seinem Werk: Geschichte des Agathon der Begründer der Tradition des deutschen Bildungsromans zu werden.
Über Goethe erübrigen sich alle weiteren Verweise auf dessen literaturhistorische Bedeutung. Wie auch über Schiller, dessen reformatorisch-aufgeklärtes politisches Pendant er war und dem gleich mit seinem Theaterdebüt, dem 1782 uraufgeführten Schauspiel Die Räuber ein bedeutender Beitrag zum Drama des Sturm und Drang und der Weltliteratur gelang. Fast schon selbstverständlich, dass das als großer Freiheitskampf gegen die Tyrannei verstandene Werk: Die Räuber ihm die französische Ehrenbürgerschaft und auch die französische Staatsbürgerschaft einbrachte. Aber für jedes seiner Dramen, Don Karlos, Wallenstein, Maria Stuart, die Jungfrau von Orleans und Wilhelm Tell hätte er die Anerkennung europäischer Staaten verdient; heute wäre er wohl der europäische Dichter schlechthin und seine ästhetischen Abhandlungen wie seine Balladen wie etwa die Glocke und die Bürgschaft kennt man nicht nur in Deutschland.
Das 19. Jahrhundert ist verbunden mit Franz Liszt, Richard Strauss, Friedrich Nietzsche und den Landschaftsmalern der Weimarer Malerschule an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule.
Nietzsche wurde bald der Faust der Philosophie und sein Zarathustra zum Inbegriff einer faustischen Lebenshaltung, gleichwohl der, anders als Mephisto im Faust, dem vollen,prallen, dionysischen Leben mehr zugewandt war als dem apollinischen, welches mit Bildung, Zivilisation und Rechtgläubigkeit gleichgesetzt war.
Eine wichtige Rolle spielte die Stadt als Ort der Weimarer Klassik während der Regentschaft der Herzogin Anna Amalia und unter ihrem Sohn Herzog Carl August Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts, die auch das Goldenen Zeitalter der Stadt genannt wurde. Herzog Carl August galt als tolerant und aufgeklärt; er war 1816 auch der erste Monarch Deutschlands, der seinem Staat eine Verfassung gab. Dieses hieß sogar „Grundgesetz“! Das Wartburgfest deutscher Studenten von 1817 fand auf seinem Territorium statt.
Das silberne Zeitalter – warum diese Wertung? – Unter der Großherzogin Maria Pawlowna und ihrem Sohn Carl Alexander sowie dessen Frau Großherzogin Sophie erlebte die Stadt auf künstlerischer und kultureller Ebene einen neuen Aufschwung. 1842 wurde Franz Liszt zum Kapellmeister berufen; 1849 floh Richard Wagner zu seinem Förderer und späteren Schwiegervater nach Weimar, bevor er sich in die Schweiz absetzte; Liszt setzte 1850 die Uraufführung von Wagners Lohengrin in Weimar durch. Um Liszt formierte sich in Abgrenzung zu den alten Kunstauffassungen ein Kreis aus avantgardistisch orientierten Männern aus verschiedenen Kunstrichtungen insbesondere aus der Musik, aus dem dann 1854 der Neu-Weimar-Verein erwuchs.

Georgenkirche (Eisenach) mit dem Taufbecken, in dem Bach getauft wurde. 
Thomasschule in Leipzig von 1896. Bachs Familie wohnte im linken Drittel des Hauses. 
Nietzsche-Gedächtnishalle Weimar – Eingangsbereich
Zur Zeit von Maria Pawlowna wurden das Herder-Denkmal, Wieland-Denkmal und das Goethe- und Schiller-Denkmal errichtet. Im Jahre 1864 wurde in Weimar die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft gegründet.
Zweimal rächte sich das faustische Prinzip am deutschen Idealismus und Bildungsbürgertum. Einmal in der Bücherverbrennung und später noch einmal im Brand der Anna Amalia Bibliothek am 02. September 2004.
Im Jahre 1919, ein Jahr nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, fand im Deutschen Nationaltheater in Weimar die verfassungsgebende Zusammenkunft der Nationalversammlung statt, welche sich nach Abschaffung der Monarchie und Ausrufung der Republik konstituierte. Aufgrund des Ortes wurde das parlamentarische Deutschland, wie es von 1919 bis 1933 bestand, als Weimarer Republik bezeichnet. Weimar wurde außerdem am 1. Mai 1920 Hauptstadt des neu gegründeten Landes Thüringen. 1919 wurde in Weimar auch das Bauhaus durch die Vereinigung der Kunstschule in Weimar mit der 1907 von Henry van de Velde gegründeten Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar gegründet.
Aber die faustischen Mächte waren weder tot noch inaktiv. Bereits 1920 kam es zum Kapp-Putsch, als reaktionäre Militärs gegen streikende Arbeiter und die Verfassung in Reih und Glied vorzogen. Walter Gropius entwarf ein Denkmal zu Ehren der von den Putschisten getöteten Bürger der Stad, die in Erinnerung an jenen Tag im März seither die „Märzgefallenen“ genannt werden – in Anlehnung an die Opfer der Revolution von 1848 aus dem gleichen Monat. Das Denkmal, im Volksmund „Der Blitz“ genannt, wurde am 1. Mai 1922 eingeweiht. Nicht wie ein Blitz, aber langsam einsickernd entwickelte sich aus der Weimarer Republik jene faustische Kraft, die zu ungeheueren Taten bereit die Massen in Deutschland auf die Straßen brachte, gegen die Juden, gegen jede Opposition, gegen Russland und ganz Europa, und darüber hinaus.
Am 21. Juni 1933 fand im heutigen Ortsteil Niedergrunstedt bei der Sonnwendfeier des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes in Nachahmung der „Aktion wider den undeutschen Geist“ eine Bücherverbrennung statt. 1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Schlossmuseum eine große Anzahl von Werken der modernen bildenden Kunst beschlagnahmt. Die meisten wurden danach zerstört.
Zahlreiche Gegner des Nationalsozialismus wurden zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt und in die ersten KZ Nohra und Bad Sulza und später in das KZ Buchenwald, einem der größten auf deutschen Boden, verbracht. Dennoch bildeten sich kommunistische und sozialdemokratische Widerstandsgruppen, die Aufklärungs- und Sabotagearbeit leisteten. Auch Geistliche und andere Anhänger der Bekennenden Kirche stellten sich gegen Maßnahmen des NS-Regimes.
In der Gestapozentrale Marstall (siehe hier) wurden Gefangene grausam gefoltert und getötet, fanden Zwangssterilisationen systematisch wie Euthanasie im Sinne der deutschen Rassenhygiene statt. Am 11. April 1945 erreichten die US-amerikanischen Truppen die Nähe des Lagers Buchenwald auf dem Ettersberg, wo von 250.000 Häftlingen mehr als 56.000 ermordet worden waren.
Anfang Juli 45 zogen sich die US-Truppen aus Thüringen zurück, und auch in Weimar begann die Zeit der sowjetischen Besatzung. Weimar wurde ein großer Standort der sowjetischen Truppen mit dem Kommando der 8. Gardearmee im nahegelegenen Nohra. Sie belegten die früheren Wehrmachtskasernen. und der unbedingte Wille zur Macht änderte nur seinen Namen.
Weimar war in der DDR ein gepflegtes und auch gegenüber dem Ausland vorweisbares „Schmuckstück“, jedenfalls an seinen touristischen Schwerpunkten.
Auch in der Friedlichen Revolution in der DDR 1989/90 spielte Weimar eine Rolle. Beginnend am 24. Oktober 1989 und ausgehend vom Platz der Demokratie fanden – jeweils am Dienstag – Großdemonstrationen statt, am 31. Oktober wurde die Teilnehmerzahl auf 15.000 geschätzt. Die Demonstrationszüge führten zu staatlichen Dienststellen, auch und besonders zur Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit. Angeführt wurden die Demonstrationen von Pfarrer Christoph Victor, Diakon H. J. Olbrecht und Aktivisten des Neuen Forums. Zunächst wurden Demokratie in der DDR und Öffnung der Stasi-Archive, später die Wiedervereinigung Deutschlands gefordert.
Wer etwas über das faustische Prinzip lernen will, der findet in gerade dieser Fortschreibung der Geschichte des 3. Reichs in der DDR eine Überfülle an Inhalten und Ausprägungen. Vor allem dieser speziellen Art, wie die DDR die Zeit des Nationalsozialismus überwinden wollte und Mauern dazu nach Innen und nach Außen errichtet. Nach außen gegen eine scheinbar völlig unmotivierte Republikflucht, nach innen mit der Stasi als Generalverdacht gegenüber jeden Freiheitsgedanken, der nur als geistige Zersetzung, als staatsfeindliche betrachtet und sanktioniert wurde; jede Ähnlichkeit mit aktuellen Regierungssystemen wie etwa in Russland, der Volksrepublik China, dem Iran u.e.a.m. sowie mit lebenden Personen wie etwa donald t., Xi Jingping, mit Ajatollahs und anderen Tyrannen ist nicht rein zufällig, ist beabsichtigt.
Faustisch, das meint nach dem Unendlichen immer und überall in jeder Beziehung zu greifen, sich nie mit dem was ist, dem Erreichten zufrieden zu geben. Im Selbstverhältnis begegnet Faust sich selbst als Auserwählter, der allein aus der Kraft seines Gesites gen Himmel strebt, dort Gott zu ersetzen – zu töten, wie Nietzsches dies im unbedingten Willen zur Macht, dem es um der Macht als Macht geht, als Selbstzweck wie dies früher bei den antiken Griechen die Tyrannis und heute die Diktatur ist, aussprach.
Faustisch ist die Kehrseite des aufgeklärten Menschen. Nach Kant entdeckt sich der moderne Mensch als von Gott und jeder geistlichen Führung emanzipierter Mensch. Er selbst bestimmt nun weitestgehend sein Schicksal, seine Zukunft, seine Art, mit anderen Menschen zusammenzuleben, diejenige Gesellschaftsform also, in der er zu leben sich vorstellt und will. So sagte es Schopenhauer mit „die Welt als Wille und Vorstellung“ und Goethe fand den Grund des eigentlichen menschlichen Daseins, der nicht liegt im Wort, nicht im Sinn, nicht einmal in der Kraft und allen Naturgewalten, sondern schlicht in der Tat; und die ist des „Pudels Kern.“
Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Wenn also der Mensch selbst das ist, was er tut, was er will, weil er es sich vorstellen kann, dann liegt nicht nur das Gute, sondern auch das Böse in ihm; wo sonst? So entspricht der Mensch seitdem und nach Art des Dr. Faust,dem Charaktertypus des rastlos Tätigen, immer nach dem Höchsten und Tiefsten, was für den Menschengeist erreichbar ist, strebend zu vertreten in Wissenschaft, Technik und Kultur und dem das drängende Suchen wertvoller ist als das Besitzen und die Pflege des Erreichten.
Diese Charakterzüge wurden als das Faustische, als die Lebensform des abendländischen, besonders des deutschen Menschen in einer bestimmten Phase der deutschen Geschichte, dem Nationalsozialismus verherrlicht.
So las man Goethes Faust zugleich als Symbol des neuen Menschen, der, von geistiger Anmaßung verzehrt, im Gefolge,ja einer geradezu toxischen Identifikation mit einem satanischen Führer und dessen unbedingten Willlen zu Macht die Ordnungen der Welt und der Menschen zerstört. Und indem sie diese universelle Negation, diese Verneinung von allem, was anders ist, als sie selbst verfolgten, vermeinten sie alle Teil einer großen, unüberbietbaren Sache zu sein, ein Teil des deutschen, arischen Wesens eines Menschen, der allen anderen überlegen ist und der sich selbst als dieser Übermensch gen die anderen Untermenschen durch seine Kultur und Überlegenheit, vor allem einer technischen und wissenschaftlichen Überlegenheit geschaffen hat.
[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.
Viele Deutsche wähnten sich als Teil einer überlegenen Rassen, einige liebäugelten mehr oder weniger offen ausgesprochen mit dem Rassismus als Idee. Und die faustische Idee des Rassismus ist bis heute lebendig und nicht nur in Deutschland. Sie bestand auch damals, als man in Deutschland noch das Land der Dichter und Denker sah. Weitere Informationen zu Weimar finden Sie hier…




















