Historische Städte in Deutschland - Seite 7

Aus dem Zwielicht der Geschichte

Die enttäuschte Schönheit

Rothenburg ob der Tauber - Bayern

Rothenburg ob der Tauber gehört mit dieser einzigartigen mittelalterlichen Altstadt schon in die Liste der historischen Städte Deutschlands als eine weltbekannte Sehenswürdigkeit. Der historische Stadtkern ist von einer begehbaren Befestigungsmauer umgeben, umschließt nicht nur historischen Fachwerkwerkhäuser, sondern auch einige interessante Museen. Die Stadt war und ist Touristenmagnet wie kaum eine andere Stadt in Deutschland, ihr Mythos ist ungebrochen, gleichwohl ihre Kriegsschäden 1945 erheblich waren.
Ab 1950 wurde die Stadt zu einem der Höhepunkte an der Romantischen Straße, der ersten Ferienstraße Deutschlands und besticht mit ihrem fast geschlossenem Ensemble historischer Gebäude und Denkmäler.

Rothenburg ob der Tauber - BayernRothenburg ob der Tauber - BayernIhre historische Bedeutung in unserem Sinne hat die Stadt aber in mehrfacher Hinsicht anders als in ihren schmucken Fachwerkhäusern noch zu erkennen ist. Wir erinnern an das Jahr 1455, als es es zu einem Aufstand der Handwerker kam. Die Ratsherren wurden von den Aufständigen für einige Zeit in das Rathausverlies geworfen und gleichzeitig wurden 12 Zünfte gebildet, die nun ebenfalls im Rat vertreten waren.
Gleichwohl das Patriziat nach einigen Jahren seinen verlorenen Einfluss wiedergewinnen konnte, war der Geist der Freiheitsbestrebungen auch in Rothenburg ob der Tauber aus der Flasche und wehte fortan innerhalb deren Stadtmauern.

Der Geist der Freiheit, der Reformation und später der Aufklärung wurde mit jeder Fehde, die die Stadt als Reichstadt im 14. und 15. Jahrhundert durchstehen musste, größer. Das Stadtarchiv verwahrt noch über 300 Fehdebriefe, die von den Auseinandersetzungen mit den umliegenden Rittern und Städten Zeugnis ablegen. Bereits 1522 gab es einige Anhänger der Reformation in der Bürgerschaft und im Rat. In den Jahren 1524 und 25 wirkte der Reformator Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, in der Stadt und während des Großen Deutschen Bauernkrieges 1525 verbündete sich Rothenburg mit den rebellierenden Bauern unter Florian Geyer; der Ausgang ist bekannt, die historischen Folgen blieben lange Zeit unbeachtet.

Nach dem Sieg über die Bauern hielt Markgraf Kasimir von Brandenburg-Kulmbach auf dem Marktplatz von Rothenburg ein Blutgericht ab und ließ 17 Anführer öffentlich enthaupten. Die Stadt musste zudem eine hohe Kriegskontribution zahlen. Die Heilige Messe wurde wieder eingeführt. Der Katholische Glaube triumphierte erneut, aber nur für einige Zeit. Auch sein Schicksal war bereits besiegelt, lange bevor er ein Bewusstsin davon hatte.

Rothenburg ob der Tauber - BayernRothenburg ob der Tauber - Bayern

Im Dreißigjährigen Krieg geriet Rothenburg zwischen die Fronten und wurde regelrecht zwischen Gustav Adolf von Schweden und dem katholischen Feldherrn General Graf von Tilly zerrieben. Wahrscheinlich in der Nacht von 30. zum 31. Oktober1631 wurde die Stadt zur Plünderung freigegeben. Es kam zwar nicht zum Massaker wie in Magdeburg, bei denen die Truppen Tilly’s wenige Monate zuvor die Bevölkerung massakriert und die Stadt niedergebrannt hatten, aber die Stadt musste eine Strafzahlung leisten und die Einquartierung der kaiserlichen Soldaten erdulden. Für die Bevölkerung hieß das weitere Übergriffe der Soldaten, Hunger und eingeschleppte Infektionen, bis am 13. Januar 1632 die kaiserlichen Truppen die Stadt wieder verließen.
Wir sprechen von einem kollektiven Trauma, welches die Stadt damals erfasst hat und das sehr lange wohl angehalten hat.
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Schwäbisch Hall - Baden-Württemberg

© Roman Eisele / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Schwäbisch Hall - Baden-Württemberg

Mit Tendenz zur Anarchie.

Schwäbisch Hall ist aus dem Geschichtsbewusstsein, so in Deutschland überhaupt eins vorhanden ist, weitgehend verschwunden. Deshalb ist die Geschichte von Schwäbisch Hall in großen Lettern aber kurzen Sätzen geschrieben. In alten Urkunden steht als Stadtbezeichnung meist nur „Hall“ geschrieben, was sich auf die Salzgewinnung bezieht. Mit dem Zusatz „Schwäbisch“ hatte die Stadt über lange Jahre mit dem für den Bereich des Herzogtums Franken zuständigen Landgericht Würzburg Rechtsstreitereien ausgetragen, aber das wollen wir hier nicht als eine historische Leistung anerkennen. Außer der Tatsache, dass sich hierbei ein „Geist“ zeigte, der in der Geschichte der Stadt immer wieder eine Rolle gespielt hat. Ein Geist des Widerstandes, der Opposition gegen die Mächtigen ihrer Zeit.

Schwäbisch Hall steht bis heute noch für die Salzgewinnung, früher kam ein reger Salzhandel dazu, beides besonders wichtig und einträglich im Mittelalter. Was weniger bekannt noch ist, ist die Tatsache, dass seit dem Hochmittelalter in Hall Münzen geprägt wurden, was die Erträge für die Stadt deutlich erweiterte; so hießen Silberpfennige dem Herkunftsort nach „Haller Pfennige“ oder „Heller“, nach wie vor in vielen Redewendung noch bekannt und präsent. Aufgrund einer urkundlichen Erwähnung aus dem Jahr 1189 gilt der aus der Staufer-Dynastie stammende Friedrich I. als Urheber dieser Münze; der Adel wusste stets Ressourcen für sich zu nutzen.

Die Münzzeichen des Heller sind Kreuz und Hand, Symbole des Rechts und des Marktes. Das zählen wir zur historischen Errungenschaft, dass Markt und Recht zusammengehören, dass ein Markt ohne Rechtsgrundlage – wie dies übrigens im Mittelalter sehr verbreitet war – zu Raub, Gewalt und Kriegen führt. In Einzelfällen raubten Menschen andere Menschen aus, die Schicht der Ritter und des Adels betrieben dies systematisch.

Schwäbisch Hall - Baden-WürttembergHall bzw. Schwäbisch Hall wurde zwischen 1150 und 1400 zu einem bedeutenden Handelsplatz mit einem Rindermarkt, einem Milchmarkt und einem Fischmarkt sowie Verkaufsräume für Fleisch, Salz und Brot. Zum Hauptmarkt entwickelte sich der Platz vor St. Michael. Im 14., 15. und 16. Jahrhundert erweiterte die mittlerweile zur Reichsstadt aufgestiegene Stadt Schwäbisch Hall systematisch ihr Territorium. Sie kaufte Herrschaftsrechte, wann immer sich die Gelegenheit bot, und verteidigte diese notfalls mit Waffengewalt. Die letzte große Erwerbung war 1595 der Kauf der Herrschaft Vellberg. Am Ende des Alten Reichs besaß die Reichsstadt Schwäbisch Hall ein Herrschaftsgebiet mit 330 Quadratkilometern und etwa 21.000 Einwohnern, was damals beachtlich war. Und nicht so leicht durchzusetzen gewesen sein dürfte.

Die Stadt trat dem Schmalkaldischen Bund* bei und kämpfte damals auf der protestantischen Seite, was ihr das Prädikat „anarchischer Geist“ einbrachte. Der lies selbst dann nicht nach, als 1848 württembergische Truppen die Stadt besetzten, im Gegenteil. Die Stadt blieb bis zum Ende des Kaiserreichs politisch links, ein Hort der deutschen Sozialdemokratie. Mehr zu Schwäbisch Hall lesen Sie bitte hier…

*Der Schmalkaldische Bund war ein am 27. Februar 1531 in Schmalkalden geschlossenes Verteidigungsbündnis protestantischer Fürsten und Städte unter Führung von Kursachsen und Hessen gegen die Religionspolitik des katholischen Kaisers Karl V.

Alt und von der Geschichte gezeichnet.

Als römische Gründung, damals Noviomagus oder Civitas Nemetum (Hauptstadt des Stammes der Nemeter) genannt, ist Speyer eine der ältesten Städte Deutschlands und wurde als Spira um 600 Zentrum des Speyergaues. Im Mittelalter war die Stadt als freie Reichsstadt eine der bedeutendsten Städte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, allein deshalb schon gehört sie in unsere Liste der historischen Städte Deutschlands.
Der Rhein und die Begradigung seines Laufes, der sich permanent durch die unzähligen Schleifen veränderte, spielt eine Rolle und zeugt heute noch in den Flussterrassen von jener gewaltigen Anstrengung der Natur und des Menschen.

Der Boden von Speyer gab zahlreiche Funde Funde aus der Jungsteinzeit, Bronzezeit, Hallstattzeit und Latènezeit frei, die darauf schließen ließen, dass die Terrassen in Speyer, insbesondere die Niederterrassenzunge in unmittelbarer Rheinnähe, schon immer Siedlungsorte waren. Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert war die Gegend von Speyer Siedlungsgebiet der keltischen Mediomatriker, ein keltischer Stamm aus den Gebieten des heutigen Ostfrankreich, des Saarlands und von Rheinland-Pfalz. Aus ihrer Hauptstadt Divodurum Mediomatricorum ist das heutige Metz hervorgegangen.

Speyer war römischer Militärposten und Einfallstor von verschiedenen germanischen Stämmen, einige von ihnen wurden unter dem Druck von einfallenden Hunnen nach Frankreich vertrieben, so die Sueben, Vandalen und die sarmatischen Alanen. Nach der Unterwerfung Galliens durch die Römer 50 v. Chr. wurde der Rhein, auch wenn das Gebiet noch außerhalb des militärischen Geschehens lag, Teil der Grenze des Römischen Reiches. 10 v. Chr. wurde ein Lager vermutlich für eine 500 Mann starke Infanterietruppe errichtet.

Dieser römische Militärposten wurde zum Impuls für die Stadtbildung. Um 150 erschien die Stadt unter dem keltischen Namen Noviomagus (Neufeld oder Neumarkt) in der Weltkarte des Griechen Ptolemaios; der gleiche Name steht im Itinerarium Antonini, einem Reisehandbuch des Antonius aus der Zeit Caracallas (211–217) und auf der Tabula Peutingeriana, einer Straßenkarte aus dem 3. Jahrhundert. Ab 260 konnten die ständigen Angriffe der Alamannen im Rahmen der Völkerwanderung auf den Limes nicht mehr abgewehrt werden, die römische Reichsgrenze musste an den Rhein zurückgenommen werden, und Speyer wurde wieder zur Grenzstadt. Für das 4. Jahrhundert ist mit Jesse ein erster Speyerer Bischof belegt; das Bistum ging vermutlich während der Völkerwanderungszeit unter.
In der Schlacht 496/497 bei Zülpich und einer weiteren Schlacht 505 besiegten die Franken unter Chlodwig die Alamannen und Speyer wurde ein Teil des fränkischen Königreiches.

Von weitreichender historischer Bedeutung ist das Jahr 969, in dem Kaiser Otto der Große der Bischofskirche das Immunitätsprivileg verlieh und damit eine eigene Gerichtsbarkeit und die Kontrolle über Münze und Zoll. Ab 1030 ließ Kaiser Konrad II. die Bauarbeiten am Speyerer Dom beginnen. Im 11. Jahrhundert siedelte sich auf Veranlassung des Bischofs Rüdiger Huzmann in Speyer eine der ersten jüdischen Gemeinden im römisch-deutschen Reich an. Neben den anderen SchUM-Städten Worms und Mainz gilt Speyer als eine der Geburtsstätten der aschkenasischen Kultur.

Als SchUM wird der Verbund bezeichnet, den die jüdischen Gemeinden der oberrheinischen Städte Speyer, Worms und Mainz im Mittelalter bildeten. In hebräischen Quellen werden die drei Gemeinden seit dem 12. Jahrhundert als Kehillot (Gemeinden), Spira, Warmaisa, Magenza oder auch als „die Heiligen Gemeinden“ benannt.
Aschkenasen oder als aschkenasische Juden bezeichnen sich mittel-, nord- und osteuropäische Juden und ihre Nachfahren. Sie bilden die größte ethno-religiöse Gruppe im heutigen Judentum. 1939 waren 94 % aller Juden aschkenasischer Abstammung, und im 21. Jahrhundert machen sie noch etwa 70 % aus.

Das wohl bedeutendste Bauwerk der Stadt ist der Speyerer Dom, der auch Kaiser- und Mariendom zu Speyer (offiziell: Domkirche St. Maria und St. Stephan) genannt wird. Er zählt neben denen in Mainz und Worms zu den drei rheinischen romanischen Kaiserdomen in Deutschland. Nach der teilweisen Zerstörung der Abtei Cluny während der Herrschaft Napoleons ist er die größte erhaltene romanische Kirche der Welt.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts rückte Speyer in den Mittelpunkt deutscher Geschichte. Die Bedeutung der Stadt in jenen Tagen wird dadurch deutlich, dass in ihren Mauern über 50 Hoftage stattfanden und von den 30 Reichstagen des Jahrhunderts fünf in Speyer abgehalten wurden. Hoftage, ab 1495 nannte man sie Reichstage, waren vom Reichsoberhaupt einberufene Versammlungen, an denen zunächst nur die Großen des Reichs, später auch Vertreter der Reichsstädte teilnahmen. Im Verlauf des späten Mittelalters vollzog sich ein grundlegender verfassungsrechtlicher Wandel, der durch den Übergang vom traditionellen hochmittelalterlichen Hoftag als einem Herrschaftsinstrument des Königtums zum frühneuzeitlichen Reichstag als einem Verfassungsorgan des ständisch-korporativ organisierten Reichsverbandes bestimmt war.
Die Reichstage waren daher die großen politischen und rechtlichen Transformationsversammlungen, aus denen die Staatsbildung in Deutschland durch Institutionalisierungen und Rechtsstaatlichkeit angetrieben wurde. Nicht immer einfach, gar erfolgreich, weil sich das hochmittelalterliche Königtum gegen die frühneuzeitlichen Institutionen noch zu wehren wusste. Einige Reichstage wurden berühmt, so der im Jahr 1521 mit der „Causa Lutherii, als über Martin Luther im Wormser Edikt die Reichsacht verhängt wurde. Oder die Reichstage zu Speyer 1542 und 1544, die dem Kaiser Hilfen zusprach für eine Offensive gen die Osmanen.
Der Reichstag existierte noch bis zur Auflösung des Reichs im Jahr 1806. Die Bezeichnung Reichstag trugen nach 1866 auch das Parlament des Norddeutschen Bundes und ab 1871 das Parlament des Deutschen Reiches sowie ab 1867 das Parlament des Königreichs Ungarn in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Wer mehr über Schwäbisch Hall lesen möchte, findet den Beitrag hier…

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